Smarter Every Day: People are Manipulating You on Facebook – (Part 3/3)

25. April 2019 6:11 | #Allgemein #Facebook #Social Media #synch

Destin Sandlin mit dem dritten und letzten Teil seiner Video-Serie über Diskurs-Manipulationen auf Social Media, diesmal auf Facebook. Den ersten Teil hatte ich hier gebloggt, den zweiten dort. –>

Studie: Starke Zunahme von Depressionen unter Jugendlichen durch Social Media

Psychologen der Uni San Diego unter der Leitung von Jean Twenge veröffentlichten ein neues Paper über Depressionen und Mental Health Issues unter Jugendlichen, in dem sie einen starken Anstieg seit 2011 feststellen und zwar vor allem unter Millennials, also den nach 1980 geborenen. Gleichzeitig stellten die Forscher einen signifikanten Anstieg von Stress und Selbstmordgedanken unter Jugendlichen fest.

Jean Twenge untersuchte Umfrageergebnisse von über 200.000 Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren von 2005 bis 2017 und von fast 400.000 Erwachsenen im Alter von 18 Jahren und darüber von 2008 bis 2017. Die Zahl der Jugendlichen, die Symptome angaben, die auf eine schwere Depression hinweisen, stieg um 52 Prozent (von 8,7 auf 13,2 Prozent), der Anstieg unter jungen Erwachsenen (18-25 Jahre) betrug sogar 63 Prozent. Bei Älteren stiegen Depressionen zwischen 2005 und 2017 unter 26-29-Jährigen um 29 Prozent, in den anderen Altersgruppen wurden sie weniger.

Zwei interessante Details: Die Zunahme von Mental Health Issues ist bei Mädchen stärker als bei Jungs (der Popularitätswettbewerb ist unter Mädchen scheint mir gnadenloser und härter, grade im Hinblick auf soziale Interaktion, was sich in diesen Zahlen deutlich abbildet). Und reichere Einkommensschichten sind eher von Stress und Selbstmordgedanken geplagt, die unteren Einkommensschichten leiden eher unter Depressionen. Auch hier erscheint mir vor allem der Wettbewerb um Sichtbarkeit und Popularität relevant, der unter reicheren Menschen ausgeprägter scheint.

Der Anstieg verläuft praktisch parallel zum Siegeszug von Social Media und die Psychologen halten das Netz, Smartphones und Soziale Medien für die Ursache. Die Studie bestätigt damit vorangegangene Zahlen aus Untersuchungen von etwa Jonathan Haidt, über dessen erschreckende Zahlen mit einem Anstieg von Mental Health Issue unter jungen Mädchen von 170% ich vor ein paar Wochen gebloggt hatte. (Und sie widerlegt Studien, die keinen Zusammenhang zwischen digitalen Medien und Mental Health Issues fanden, die allerdings ausschließlich die Auswirkungen von Screen Time untersuchten und von mir entsprechend kritisiert wurden).

Florian Rötzer versucht auf Telepolis, der Studie einen kapitalismuskritischen Spin zu verpassen und vermutet einen weiteren Stressfaktor in der neoliberalen Gesellschaft. Wie dieser gesellschaftlich dominierende Individualismus allerdings einen Anstieg ausgerechnet ab 2011 verursachen sollen, grade als sich die Wirtschaft von den Folgen der Finanzkrise erholte, erklärt dieser Ansatz nicht. Und ebenfalls erklärt er nicht, warum ausgerechnet Kids unter stark zunehmenden Depressionen leiden, nicht aber der erwachsene Teil der Bevölkerung, der genau demselben gesellschaftlichen Druck gegenübersteht. Ein weiterer Erklärungsansatz wäre das Finanzierungsystem der US-Colleges und der riesige Schuldenberg der Studenten, was allerdings nicht den starken Anstieg von Depressionen unter Kids zwischen 12 und 17 Jahren erklärt. Darüberhinaus schlossen die Forscher alternative Theorien weitgehend aus.

Social Media erscheint die logischste aller Erklärungen: Sozialer Druck und Gruppenzwang ist unter Teenagern am allergrößten, man vergleicht sich in diesem Alter prinzipiell ständig mit anderen und konkurriert in einem extremen Wettbewerb um Popularitätspunkte auf dem Schulhof, man findet zu sich selbst, verhandelt Identität(en) und bildet eine Psyche aus. Heute passiert ein großer Teil davon im Netz und die Folgen davon sehen wir jetzt, Social Media ist mit vollem Anlauf in grundlegende Prozesse der Persönlichkeitsbildung von Kids gekracht und hat dort, wie überall, alles extrem beschleunigt, erweitert, vergrößert und vor allem sichtbarer gemacht. Vor allem für Außenseiter und Mobbing-Opfer muss das Netz eine absolute Hölle sein und diese Studie bildet diese Entwicklung ab.

Was man tun kann, weiß ich nicht, ich würde aber radikale Optionen wie „Abschalten“ als Haltung nicht ausschließen wollen, auch wenn das praktisch nicht machbar ist. Ich denke nicht, dass Shishi wie „bewusster Umgang“ oder „Aufklärung“ helfen. Es geht nicht um die breite Masse der Kids, die möglicherweise ebenfalls mit erhöhten Stresslevels kämpfen müssen, die damit aber klarkommen. Mir machen vor allem die tatsächlichen Social-Media-Junkies unter den Kids Sorgen, die Außenseiter, die man mit „bewusstem Umgang“ nicht erreicht. Soziale Medien wurden bewusst auf Dopamin-Shots optimiert, jeder Like bedeutet einen kleinen Kick guter Laune. Dazu kommt die Wirkung des Kuschel-Hormons Oxyticin, das Netzcommunities zusammenschweisst. Social Media sind vor allem soziales Suchtmittel und die Etablierung eines öffentlichen Konsens’ dieses Fakts erscheint mir ein zwingender erster Schritt, um die langfristigen psychologischen Folgen der Digitalisierung abzufedern.

American Psychological Association: Mental Health Issues Increased Significantly in Young Adults Over Last Decade

Twenge and her co-authors analyzed data from the National Survey on Drug Use and Health, a nationally representative survey that has tracked drug and alcohol use, mental health and other health-related issues in individuals age 12 and over in the United States since 1971. They looked at survey responses from more than 200,000 adolescents age 12 to 17 from 2005 to 2017, and almost 400,000 adults age 18 and over from 2008 to 2017.

The rate of individuals reporting symptoms consistent with major depression in the last 12 months increased 52 percent in adolescents from 2005 to 2017 (from 8.7 percent to 13.2 percent) and 63 percent in young adults age 18 to 25 from 2009 to 2017 (from 8.1 percent to 13.2 percent). There was also a 71 percent increase in young adults experiencing serious psychological distress in the previous 30 days from 2008 to 2017 (from 7.7 percent to 13.1 percent). The rate of young adults with suicidal thoughts or other suicide-related outcomes increased 47 percent from 2008 to 2017 (from 7.0 percent to 10.3 percent).

There was no significant increase in the percentage of older adults experiencing depression or psychological distress during corresponding time periods. The researchers even saw a slight decline in psychological distress in individuals over 65.

“Cultural trends in the last 10 years may have had a larger effect on mood disorders and suicide-related outcomes among younger generations compared with older generations,” said Twenge, who believes this trend may be partially due to increased use of electronic communication and digital media, which may have changed modes of social interaction enough to affect mood disorders. She also noted research shows that young people are not sleeping as much as they did in previous generations.

The increase in digital media use may have had a bigger impact on teens and young adults because older adults’ social lives are more stable and might have changed less than teens’ social lives have in the last ten years, said Twenge. Older adults might also be less likely to use digital media in a way that interferes with sleep — for example, they might be better at not staying up late on their phones or using them in the middle of the night.

Slavoj Žižek über Krieg in Europa vs Jordan Peterson über Vulgärmarxismus

Der DLF hat ein interessantes Gespräch mit Slavoj Žižek, der darin ein paar kluge und beunruhigende Dinge über neue Kriege in Europa sagt, und die Philosophie-Radiosendung Sein und Streit hatte vor ein paar Wochen erst ein längeres Interview anlässlich seines 70. Geburtstages darüber, dass die Linke zurzeit überhaupt kein alternatives Projekt hat und mit ihrem repetitiven Habitus in den 2000er Jahren praktisch genauso reaktionär wurde, wie die verhasste Rechte. Beide Interviews zeichnet aus, dass sie meilenweit interessanter sind, als die angebliche „Debate of the Century“ zwischen Jordan Peterson und Slavoj Žižek (hier auf Youtube).

Dass sich Peterson ausgerechnet „Happiness“ und Marxismus als Thema aussucht, obwohl er außer ein paar Schlagworten nichts über Marxismus weiß, den Postmodernismus vor allem aus der Perspektive eines einzigen Buches kritisiert (Stephen Hicks „Explaining Postmodernism“, guter Takedown des Buches hier) und vom oberflächlichen Pursuit of „Happiness“ selbst nicht allzuviel hält, ist mir ein völliges Rätsel. Dass Žižek auf diesem Feld hier leichtes Spiel hat, wunderte ich nicht. Ich hätte aber auch nicht damit gerechnet, dass Peterson grade mal ein bisschen im kommunistischen Manifest liest zur Vorbereitung. Ich fand diese Debatte ganz ganz furchtbar und da wir alle mittlerweile im Film „Idiocracy“ leben, haben intellektuelle Streitgespräche nun die Qualität eines Wrestling-Matches, in dem das Publikum johlt und ihre Ecke lautstark anfeuert. Würg.

Warum sich hier zwei Menschen, die beide eine tiefe Ideologie-Skepsis umtreibt und die beide (pop)kulturell hochgebildet sind, die den (pop)kulturellen Rahmen immer und immer wieder als neomythologisches Framing ihrer Theoriengebäude benutzten, die beide aus der Psychologie stammen und die hier mit mehr Vorbereitung und einem etwas geschickt gewählteren Rahmen auf ein solch billiges Scharmützel bezüglich einer anachronistischen Weltsicht aus Zeiten der Industrialisierung einlassen, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. In einer Parallelwelt hätte Peterson Žižek ein paar Zitate aus Pinocchio zur illustration der Conditio Humana um die Ohren gehauen und der hätte mit Radiohead gekontert. Aber nein, die streiten ernsthaft darüber, ob es „Neo-Marxisten“ gibt und ob das die Lehrer an den Oberschulen sind. Wie langweilig, wie gestrig.

Noch langweiliger waren dann die Reaktionen der Medien, die möglicherweise auch gar nicht wussten, was sie schreiben sollten. Sam Miller und Harrison Fluss beschreiben die Debatte im Jacobin aus streng marxistischer Perspektive und fanden sie wohl auch eher langweilig (weil eben weder ein strenger Marxist auf der Bühne war, noch ein ausreichend giftiger Antimarxist). Johannes Thumfart kriegt in der Zeit einen langweiligen Text hin, der dieser Debatte mehr oder weniger angemessen war, während Arno Frank auf spOnline lügen muss, um Peterson als den rechten Demagogen zu zeichnen, der er nicht ist. Das fairste Stück über die Debatte findet man ausgerechnet beim Guardian mit folgender bemerkenswerten Stelle:

They seemed to believe that the “academic left”, whoever that might be, was some all-powerful cultural force rather than the impotent shrinking collection of irrelevances it is. If the academic left is all-powerful, they get to indulge in their victimization.

And that was the great irony of the debate: what it comes down to is that they believe they are the victims of a culture of victimization. They play the victim as much as their enemies. It’s all anyone can do at this point.

Die Debatte und grade und vor allem ihr thematischer Inhalt war eine Kapitulation vor dem Opferkult der illiberalen Linken und dem Outrage-Wahnsinn. Immerhin war Žižek unterhaltsam dabei.

New School-Phrenologie: China überwacht muslimische Minderheiten mit AI-Gesichtserkennung

Gruseliger First Case für AI-gestützte Phrenologie (der Vermessung von Schädeln und Gesichtszügen, um angebliche Identitätsmerkmale festzustellen – Verbrecher haben beispielsweise angeblich hohe Stirne und ein ausfallendes Kinn) zur Verfolgung von Minderheiten: One Month, 500,000 Face Scans: How China Is Using A.I. to Profile a Minority.

authorities are […] using a vast, secret system of advanced facial recognition technology to track and control the Uighurs, a largely Muslim minority. It is the first known example of a government intentionally using artificial intelligence for racial profiling, experts said.

The facial recognition technology, which is integrated into China’s rapidly expanding networks of surveillance cameras, looks exclusively for Uighurs based on their appearance and keeps records of their comings and goings for search and review. […] Some police departments and technology companies described the practice as “minority identification,” though three of the people said that phrase was a euphemism for a tool that sought to identify Uighurs exclusively.

China has broken new ground by identifying one ethnic group for law enforcement purposes. One Chinese start-up, CloudWalk, outlined a sample experience in marketing its own surveillance systems. The technology, it said, could recognize “sensitive groups of people.”

“If originally one Uighur lives in a neighborhood, and within 20 days six Uighurs appear,” it said on its website, “it immediately sends alarms” to law enforcement.

Podcast: Teenage Radicals and the Post-Left on Instagram

Vor ein paar Monaten bloggte ich über Joshua Citarellas großartiges Essay Politigram and the Post-Left (PDF), und vor ein paar Tagen über seinen Quasi-Nachfolger über die Irony Politics & Gen Z.

Jetzt hat das hervorragende Magazin/Link-Aggregator Newmodels.io einen Podcast mit einem hochspannenden Interview mit Joshua Citarella über seine Beobachtungen in Communities junger, post-linker Radikaler auf Social Media und über ihre ironisierte, nihilistische, ambivalente, amorphe Weltsicht.

Citarella arbeitet derzeit an einem Buch über seine Ausflüge in den politisch radikalen Social Media-Untergrund, das in ein paar Monaten zunächst als eBook erscheinen soll. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

TikTok und die Politik der Gen-Z

Joshua Citarella in einem großartigen Text beim hervorragenden Link-Aggregator New Models (so ein bisschen wie Drudge Report, nur links) über neue IRONY POLITICS & GEN Z und wie der Context Collapse auf großen Plattformen durch schiere User-Masse die eigentlich ironische Grenzüberschreitung durch Shitposting von ihrer Ambivalenz befreit und zu Radikalisierung von Jugendlichen führt. Citarella macht dafür faule Altlinke und Babyboomer verantwortlich, die lieber darauf warten wollten, bis alte und konservative Wählerschichten wegsterben, anstatt eine Vision für eine Zukunft mit Klimawandel und einer immer weiter um sich greifenden wirtschaftlichen Ungleichheit auszuarbeiten und so den Weg bereiteten für die nihilistische Weltsicht der nachfolgenden Generationen.

Der Text behandelt noch weitaus mehr, von den Kulturkriegen auf TikTok und Kids, die online ironische traditionelle Lebensentwürfe feiern („Tradwifes“) über Cringe Politics bis hin zu linkem Pushback auf Youtube von etwa Contrapoints und Zero Books. Der Artikel ist auch ein sort-of Nachfolger zu Joshua Citarellas PDF-Artikel Politigram and the Post-Left, über den ich hier vor einer Weile gebloggt hatte.

Eine meiner Lieblingsstellen:

Over the past four years of closely observing [tiktok] I have seen innumerable users undergo radical transformations in their beliefs provided they are exposed to new ideas. At the center, you will see teenagers shuffle between Left and Right on issues like guns and abortion. At the far edges, you will find transgender fascists who un-ironically support animal rights and global genocide. Some of the same teenagers who ran Pepe meme accounts in 2016 are now young Marxist scholars who spend their evenings gaming and chatting about Hegel in Discord servers with PhD students. I wouldn’t believe it myself if I hadn’t met them.

New Models: IRONY POLITICS & GEN Z

Memes are mental viruses. They create positive feedback loops. Unlike most other forms of media, memes do not tend to fatigue or oversaturate their viewers. Instead, the more one sees a meme, the more one wants to see that meme more. In this way, memes function as a type of exploit in today’s attention economy. Potent memes will get stuck in your head for days. Once the concept takes hold, it becomes difficult to mentally steer out of. Memes nudge our way of thinking. They become a type of augmented reality, overlaying the world and social relationships.

TikTok is a place where young users are actively forming their politics. TikTok resonates with Gen Z for various reasons, among them the duet chain (“I relate to your post by building on it with mine”) resembles the Marxist dialectic of individual autonomy within collectivity. In the crisis handed to them, young people have already realized that their own political interests are more aligned with collectivities than the type of California Ideology and libertarian individualism built into networks like Facebook or Instagram.11 If channeled correctly, youth frustration has the potential to become a revolutionary political force.

A youth movement signaling away from liberalism is significant because it reveals the center establishment’s lack of a real vision for the future. Under the mantra of demographic change (an ever increasing population of young people and growing racial diversity), liberal Democrats have assumed they can wait out the inevitable victory over aging white conservatives. This faulty assumption has prevented much of the liberal Left from considering the true appeal of their message. Failure to present a compelling political option will lose increasing numbers of young people to nihilism, to the Right, and ultimately to fascism. Public wealth is the only real solution to our crisis.

Smarter Every Day: Twitter Platform Manipulation – (Part 1/3)

9. April 2019 11:57 | #Allgemein #Social Media #synch #Twitter

Destin Sandlin mit dem zweiten von drei Teilen über Diskurs-Manipulationen auf Twitter. Den ersten Teil hatte ich hier gebloggt. –>

What Destin gets absolutely right in this series, that all those shenanigans boil down to very basic psychological mechanism which have very few things to do with „privacy“ or „data security“, but all with fakery and fight’n’flight-psychology. What they are describing in the video above (hijacking small influencers to pump up your message to make it visible for big influencers) hasn’t changed in the last ten years, its right there in one of the first books about internet-manipulation „Trust me I’m lying“, where they played exactly the same game, but with blogs.

There’s a single moment you need to be looking for, the moment you’re looking for is a nudge! The nudge to think a negative thought against another group of people.

This is the battlefield of the mind, where the enemy hides behind civilians. And the enemy has the added advantage that when they are revealed as being an enemy, you basically start to distrust those around you, which was one of their goals to begin with. They’re trying to get you to not trust people in your own community.

Let’s blow up the Internet; Online Harms Whitepaper; Engagement als fiktive Ware; Design-Templates rechter Viral-Pics [Meldungen Memetischer Synchronisationsleistungen #005]

9. April 2019 10:53 | #Allgemein #Netzpolitik #synch

Neues Whitepaper der englischen Regierung über die Regulierung von Plattformen und „Online Harms“ (hier als PDF). Die Regierung schlägt eine unabhängige Behörde mit Exekutivmacht vor, die Strafen verhängen und Websites blocken kann. „Outlining the proposals, Culture Secretary Jeremy Wright said: ‘The era of self-regulation for online companies is over’.“ Die Behörde soll nicht nur in offensichtlichen Fällen wie dokumentierter Kindesmissbrauch oder Terrorismus tätig werden, sondern auch bei grundsätzlich ambivalenten Vorgängen wie Trolling. Tja.

The plans cover a range of issues that are clearly defined in law such as spreading terrorist content, child sex abuse, so-called revenge pornography, hate crimes, harassment and the sale of illegal goods. But it also covers harmful behaviour that has a less clear legal definition such as cyber-bullying, trolling and the spread of fake news and disinformation. It says social networks must tackle material that advocates self-harm and suicide, which became a prominent issue after 14-year-old Molly Russell took her own life in 2017.

Die australische Regierung hat derweil ein „Sharing of Abhorrent Violent Material“-Gesetz erlassen, demzufolge das Hosting von Gewalt-Videos („defined as videos depicting terrorist acts, murders, attempted murders, torture, rape or kidnap“) unter Strafe gestellt wird, inklusive Gefängnisstrafen für Plattformbetreiber.

Und auch die EU will neue Filter- und Löschregeln. Nochmal: „The era of self-regulation for online companies is over“.

Could We Blow Up the Internet?: „Is it possible to take down the internet by physically attacking its infrastructure?“ I wish it was possible. I really wish it was.

Kenan Malik mit einer Kurzversion seiner hervorragenden Spurensuche nach den nationalistischen Wurzeln der Identitätspolitik: If identity politics is a force for good, how does white nationalism fit in?

There is no straightforward equivalence between the identity politics of the left and that of the far right. The former emerged from the decay of genuine movements for social change and betterment; the latter is the product of a vicious racist outlook, one of the most degenerate expressions of which came in Christchurch.

It is, nevertheless, a measure of contemporary confusion that so many on the left imagine that an approach that draws upon ideas of group identity that lie at the heart of racial thinking can challenge inequality and injustice. Understanding the roots of identity politics, and turning conventional perception on its head, has rarely seemed such an urgent task.

Die Plattformen haben das partizipative Web gekapert (ursprünglich auf Fabrikzeitung.ch). Auch Adrian Lobe sieht die Gründe für neue „Formen- und Sittenstrenge“, gelenkte Meinungsströme und Sozialmoral ausschließlich in den Algorithmen der Plattformen und übersieht, dass die menschliche Psyche in diese Algorithmen zurückwirkt. Es sind nicht die Plattformen alleine, sondern die Dynamiken zwischen Psychologie und den Mechanismen der Plattformen, die diese Dinge bewirken. Eine Regulierung der Mechanismen alleine dürfte nur wenig bewirken oder anders formuliert: Eine Abschaffung des Like-Buttons wird den Aufmerksamkeitswettbewerb im Sozialen Netz nicht verhindern.

Die Entfesselung der Informationen, die die von den fortschrittsoptimistischen Netzaktivisten immer herbeigesehnt wurde, führt paradoxerweise zu einer neuen Formen- und Sittenstrenge, einer Restauration von Autoritäten, die mit opaken, von der allgemeinen Öffentlichkeit nicht überprüfbaren Formeln die Meinungsströme lenken und mit der algorithmischen Zertifizierung die Grenzen des Sagbaren festzurren. Dieser technische Rigorismus paart sich dabei mit einer Sozialmoral, die erst auf den zweiten Blick deutlich wird: Facebook, das wiederholt Darstellungen von Nacktheit – etwa das “Napalm-Mädchen” oder die Neptun-Statue – aus Rücksicht auf religiöse Minderheiten gelöscht hat, weist in seinen “Gemeinschaftsstandards” explizit darauf hin, dass anstößige und taktlose Inhalte unerwünscht seien. Die Privatisierung und Technisierung meinungsbildender Prozesse und die damit einhergehende Delegation von Wertentscheidungen an Programmierer und Algorithmen führt letztlich zu einer Entmündigung bzw. Bevormundung liberaler Gesellschaften.

Die NZZ über Privacy und Datenzentralisierung auf Plattformen (wobei ich nicht weiß, wie mehr User-Macht über Daten und Dezentralisierung dem menschlichen Tribalismus entgegenwirken soll): „Die Kommunikationsentgrenzung gebiert ihre eigene Form der Komplexitätsreduktion“: „Liegt in der Vermessung von allem und allen und der Zentralisierung der Daten der Zwangstrieb des WWW, seine Sachordnung, die sich erst mit zunehmendem Alter herausstellt? Haben wir uns selbst betrogen, als wir Vernetzung nur rhizomatisch dachten – so wie wir nicht voraussahen, dass die Beseitigung der Gatekeeper Fake-News und Hate-Speech Tür und Tor öffnet?“

In India Election, False Posts and Hate Speech Flummox Facebook: „all the major Indian parties have sophisticated disinformation strategies, which include posting false and manipulated photos and videos and coordinating posts across a network of paid acolytes and volunteers.“

Old, Online, And Fed On Lies: How An Aging Population Will Reshape The Internet: Older people play an outsized role in civic life. They also are more likely to be online targets for misinformation and hyperpartisan rhetoric.

Interviews mit Content-Moderatoren: Your Speech, Their Rules: Meet the People Who Guard the Internet.

Über die Reduktion von digitaler Kommunikation auf „Engagement“: Anti-Kommunikation und Wertschöpfung: „die kommerziellen sozialen Medien [sind] unregulierte Märkte, in denen die gesamte Komplexität der sozialen Kommunikation auf die Dimension des «engagement» reduziert wird. Alles andere, allen voran die Frage nach Bedeutung, die vielschichtigen Formen des Einordnens und des Bewertens, ja solch basale Unterscheidungen wie jene zwischen faktenbasiert und fiktional, werden ignoriert.“

Daniel Hornuff über Design-Templates rechter Viral-Pics: „Es geht längst nicht mehr nur um Hatespeech: Rechter Hass verbreitet sich in den sozialen Medien auch über Bildmemes. Der Versuch einer Kategorisierung.“

Despite the Headline Why Fears of Fake News Are Overhyped Brendan Nyhan lists 4 good reasons why fake news is relevant and dangerous and he even misses the most important one: Fake News, even if dropping in numbers and read by a small but highly active minority, undermines the *trust* in political news media which was relatively secure before the advent of the new school web and provided the relatively stable consensus on which society consitutes. It doesn’t matter if fake news drops in numbers, it matters that the medium on which we built society is completely fakeable.

From the Journo who got fired from the NYReview of Books: Editing in an age of outrage:

Considering people who have fallen from grace — again, often for very good reasons — it is hard to avoid using religious language. The way out of moral ignominy is to be redeemed. But redemption has to be earned by confession, self-reflection and apology. This is why people caught in a history of sexual misbehaviour usually issue an apology straight away, sometimes a rather slippery one: “If I have offended anyone…,” etc. I was only an offender by proxy, as it were. Nonetheless, I was strongly advised by a senior editor at a famous liberal journal in New York (not the NYRB) to write an apology, so that his “younger editors” would allow me to contribute to that magazine again.

The advice was well-meant, and I took it seriously. But I decided that an apology would be the wrong response, for the following reason. Apologies are the traditional reaction to a moral transgression, when grievous offence is taken. One reason that apologies are now so prevalent is that being offended has become a common reaction to anything one disagrees with. This can pose particular difficulties for an editor of a liberal journal.

Papers:
Inferring Human Traits From Facebook Statuses
Discrimination through optimization: How Facebook’s ad delivery can lead to skewed outcomes

Capitalism, Cultural Disintegration, and Buzzfeeds Identity-Machine

Guter Clip von Cuck Philosophy über Buzzfeed als postmodernistische Identitäts-Fabrik:

Buzzfeed-Gründer Jonah Peretti beutete mit Buzzfeed seine eigene Kapitalismuskritik aus und erfand eine akzelerationistische (also kapitalismusbeschleunigende) Meme-Machine. Der Akzelerationismus ist eigentlich als konkrete Manifestation eine kapitalismuszerstörende Beschleunigung gedacht, man darf sich also fragen, ob Peretti sein Buzzfeed nicht als subversives Element erdachte und einfach nur seinen Beitrag zu „Capitalism eats itself“ beitragen wollte.

My central contention is that late capitalism not only accelerates the flow of capital, but also accelerates the rate at which subjects assume identities. Identity formation is inextricably linked to the urge to consume, and therefore the acceleration of capitalism necessitates an increase in the rate at which individuals assume and shed identities. The internet is one of many late capitalist phenomena that allow for more flexible, rapid, and profitable mechanisms of identity formation.

Critical Theory: BUZZFEED FOUNDER RESPONDS TO HIS MARXIST ROOTS, “LOL”

“Capitalism, Peretti concluded, needs to be constantly producing identities for peoples if the system is to survive,” Matthews writes. “And ten years later, he built a factory to fill that precise need.

Matthews later reached out to Peretti to ask if he felt that Buzzfeed embodies the principles outlined in Peretti’s “Capitalism and Schizophrenia.” Peretti simply responded “lol.”

Studie: Screen Time irrelevant für psychische Entwicklung von Jugendlichen

Im Januar bloggte ich über eine Studie, die laut Medien angeblich Entwarnung bezüglich Mental Health und der Nutzung digitaler Medien von Kids gab. Ich kritisierte die Studie als Statistik-Voodoo, die vor allem quantitative Screen Time untersuchte, nicht aber qualitative Auswirkungen der Inhalte.

Die Macher der Studie haben nun ein neues Paper vorgestellt, das praktisch dasselbe aussagt und nur wenige Anhaltspunkte für substanzielle negative Auswirkungen von Screen Time (speziell vor Schlafenszeit) auf das Wohlergehen Heranwachsender findet.

Ich möchte daher meine Kritik wiederholen: Diese Studien von Andrew K. Przybylski untersuchen vor allem die Menge der Bildschirmzeit, nicht aber die Auswirkungen von Inhalten. Die vorgelegte Studie schließt in ihrer Methodik sogar explizit die Vernetzung mit Freunden und Familienmitgliedern aus und maß digitale Aktivitäten „not including following or interacting with friends or family online“. Diese Studie ist für die Bewertung der Auswirkung von Social Media und grade bei Kids beliebten Apps wie Instagram oder YikYak, die praktisch ausschließlich aus ebenjener Interaktion mit Freunden besteht, nicht anwendbar.

Ich bin deshalb ganz beim vom Guardian zitierten Dr. Bernadka Dubicka, der dringend weitere Untersuchungen empfiehlt, um die Zusammenhänge zwischen Mental Health Issues und Inhalten zu untersuchen.

Guardian: Screen time has little effect on teenagers’ wellbeing, says study

Paper: Screens, Teens, and Psychological Well-Being: Evidence From Three Time-Use-Diary Studies

Screen time has little effect on the psychological wellbeing of teenagers, regardless of whether they use devices for hours a day or just before bedtime, according to a study by researchers at Oxford University.

Dr. Bernadka Dubicka, chair of the child and adolescent faculty at the Royal College of Psychiatrists, warned that the study’s conclusions “can only be limited.”

“The study looks at how long children spend looking at screens but not at what harmful content they might see. We know that screen time is not the main driver of mental illness, but dangerous online content can have an enormous impact on young people and their mental health.

“As a frontline clinician, I regularly see young people who have deliberately hurt themselves after discussing self-harm techniques on social media. Urgent research is needed to explore the complex relationship between online content and young people, with particular attention given to the most vulnerable.”