Russische Staatstrolle unterstützen Bernie Sanders

Geheimdienste haben Bernie Sanders darüber informiert, dass die Russen seine Kampagne unterstützen. Mit welchen Maßnahmen ist nicht bekannt, es dürfte sich aber um Propaganda im Netz durch die IRA handeln.

Sanders hatte vor zwei Tagen erst darauf spekuliert, dass ein paar der aggressiveren „Bernie-Bros“ Staatstrolle von ausländischen Akteuren sein könnten, was Twitter zurückwies. Nun also eine Warnung durch Sicherheitskreise.

Der Kicker ist, dass spätestens jetzt niemand mehr weiß, was hier tatsächlich passiert. Selbstverständlich gibt es aggressive „Bernie-Bros“, aber genauso selbstverständlich gibt es russische Staatstrolle, die Bernie unterstützen. Und noch dazu schätze ich die Russen für so clever ein, dass sie ihre Unterstützung von Sanders Kampagne bewusst an amerikanische Sicherheitskreise weitergeben, um hier das Grundvertrauen in gesellschaftliche Mechanismen zu untergraben.

Die Russen versuchen seit spätestens 2015 die gesamte Informations-Sphäre zu verzerren und Extreme auf allen Seiten zu verstärken. Es geht nicht um die Stärkung von Trump , Sanders oder Clinton, es geht um die Destabilisierung der gesellschaftlichen Synchronisationsfunktion der Massenmedien, um eine Subversion des Vertrauens auf allen Seiten. Und die unterstützen nicht nur Sanders oder Trump, sondern auch die Alt-Right, offene Nazis, Black Lives Matter, Feministinnen, Evangelikale, Social Justice Warriors, Klima-Skeptiker, Klima-Aktivisten und so weiter. Die Unterstützung von Sanders Kandidatur durch die Russen ist hier nur einer von vielen Bausteinen, wenn auch aktuell wohl einer mit der größten Aussicht auf Erfolg.

Die IRA verbreitet radikale Meinungen, die typisch sind für kämpferische Aktivisten und wollen so die Illusion eines Landes erzeugen, das am Rande eines Bürgerkriegs steht, weil sie die Konfliktherde künstlich verstärken. Das Problem dabei ist, dass die Konflikte selbst echt sind: Black Lives Matter sind tatsächlich kämpferische Aktivisten, die gegen strukturellen Rassismus in Gesellschaft und Sicherheitsapparat kämpfen. Und ihre Gegner sind ebenso tatsächlich „kämpferische Aktivisten“, die ebenfalls von sich denken, für die richtige Seite zu kämpfen.

Diese Konflikte sind real, aber tatsächlich von sehr viel geringerem Umfang, als das Netz und seine Hyper-Sichtbarkeit der Extreme suggeriert und das knifflige der Situation liegt darin begründet, dass wir selbst diese Hyper-Sichtbarkeit forcieren, um Aufmerksamkeit zu erlangen.

Genau das weiß die IRA und nutzt diese Bresche. Die IRA verstärkt Zwietracht selbst und gießt auf allen Seiten Öl ins Feuer. Die Russen haben diese Strategie des Informationskrieges seit Putins Aufstieg in den 90ern gelernt, eine völlige Vernebelung der Wahrheit durch Flooding der Informationssphäre. Bannon hat sich diese Strategie ebenso erfolgreich abgeschaut und für Trump adaptiert: „Flood the Zone with shit!“

Der Impact dieser Strategie ist völlig unklar, da die Konflikte wie oben beschrieben real existieren. Nur kann keiner mehr sagen, wie scharf diese Konflikte wirklich umkämpft werden, da auch völlig unklar ist, wie groß der Impact von russischen Bots oder Fake-Accounts wirklich ist, trotz tausender Follower, die halt Fake sind oder nicht. Und selbst wenn sie echt sind und mit ihren Botschaften Millionen von Menschen erreichen – wer kann schon mit Sicherheit sagen, ob diese Tweets tatsächlich Gespräche auslösen und wirklich viral wirken? Und selbst das spielt der Strategie der Russen in die Hände, noch einmal: Es geht um die Destabilisierung der gesellschaftlichen Funktion der Massenmedien. Dafür muss die russische Unterstützung für Sanders / Trump / BLM / SJWs / LGBTQ+ / Alt-Right / Nazis / Whatever keinen Erfolg haben, es reicht alleine die Tatsache, dass diese Propaganda sichtbar ist und niemand sicher sein kann, wer der wirkliche Urheber der Informationen ist, die wir täglich sehen, und welche Intention dahinter steckt.

Und um das Bild dieser Situation abzurunden, muss man sich klarmachen, dass ein 2018er Bericht des Institutes For The Future bereits feststellte, dass genau diese Form staatlicher Desinformationskampagnen durch „State sponsored Trolling“ international Schule macht und von Venezuela bis zu den Philippinen bereits angewendet wird. England hat in den vergangenen Jahren seine 77th Brigade zu einer Einheit für Informationskrieg umgebaut, wo Video geschnitten, Podcasts aufgenommen und Postings auf Facebook geschrieben werden. Genau solche Einheiten dürften bereits in jedem Land der Erde aufgestellt sein und bereits jetzt im Verborgenen operieren und Das Geile Neue Internet ist ihr Schlachtfeld.

25% aller Tweets über den Klimawandel kommen von Bots

Wissenschaftler der Brown University haben Tweets über den Klimawandel analysiert, die während der Bekanntgabe des Rückzugs der USA aus dem Pariser Klimaabkommen veröffentlicht wurden. Durchschnittlich kamen ein Viertel der Tweets von automatisierten Accounts, die vor allem Klimawandel-Leugnung verstärken.

Ich halte die Bot-Panik für übertrieben und der Impact dieser Accounts ist nach wie vor völlig unklar. Automatisierte Accounts sind oftmals nicht kommunizierend und agieren äußerst selten im Dialog, retweeten grade mal Botschaften und verzerren Engagement-Zahlen. Der tatsächliche Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung ist damit allerdings keineswegs erfasst. Aber selbst dann ist ein Viertel eine ganze Menge.

Gleichzeitig erscheint es mir sehr wahrscheinlich, dass sowohl Akteure wie die IRA (Internet Research Agency aka „Putins Troll Army“), die Öl-Industrie und (oftmals rechte) Manipulatoren den Klimawandel als das Zukunftsthema erkannt haben, das er tatsächlich ist und hier das virtuelle Diskurs-Schlachtfeld der Zukunft schon jetzt massiv zu ihren Gunsten beeinflussen wollen. So oder so, 25% Bots ist ‘ne Hausnummer.

Revealed: quarter of all tweets about climate crisis produced by bots [Guardian]

The social media conversation over the climate crisis is being reshaped by an army of automated Twitter bots, with a new analysis finding that a quarter of all tweets about climate on an average day are produced by bots, the Guardian can reveal. The stunning levels of Twitter bot activity on topics related to global heating and the climate crisis is distorting the online discourse to include far more climate science denialism than it would otherwise.

An analysis of millions of tweets from around the period when Donald Trump announced the US would withdraw from the Paris climate agreement found that bots tended to applaud the president for his actions and spread misinformation about the science. […]

“These findings suggest a substantial impact of mechanized bots in amplifying denialist messages about climate change, including support for Trump’s withdrawal from the Paris agreement,” states the draft study, seen by the Guardian.

On an average day during the period studied, 25% of all tweets about the climate crisis came from bots. This proportion was higher in certain topics – bots were responsible for 38% of tweets about “fake science” and 28% of all tweets about the petroleum giant Exxon.

Über den Nazi-Terrorismus von Hanau

Der Amoklauf von Hanau stellt sich also mal wieder als rechtsextremer Terroranschlag heraus, erneut mit einem wirren Manifest im Netz, erneut mit Bekennervideo. Der Täter radikalisierte sich anscheinend über einen längeren Zeitraum, in seinem Text spricht er unter anderem von den Kriegen der USA gegen Afghanistan und den Irak. Bislang gibt es keinen Hinweis auf typische Radikalisierung über neuere, netzkulturelle Social Media-Mechanismen auf Plattformen wie 8/4chan, alleine die extremen Formen von Verschwörungstheorien, die der Nazi auf seiner Website veröffentlichte, zeugen von einer typischen Radikalisierung auf abseitigen Websites im Netz.

Klar ist, dass Parteien wie die AFD genau diese extremen Verschwörungstheorien, teilt Texte, die von einer „besetzten BRD“ reden und fördert aktiv die Verschwörungstheorie des „großen Austauschs“. Selbstverständlich schwätzt Parteichef Meuthen in vorauseilender Verteidigungshaltung etwas davon, die Tat sei kein rechter Terror, sondern „die wahnhafte Tat eines Irren“. Er ist selbstverständlich nicht der einzige in seiner Partei, der solchen Schwachsinn daherredet. Das sagt der rund vier Monate nach dem Terroranschlag von Halle und ein halbes Jahr nach dem Mord an Lübcke, als wäre auch in der Zwischenzeit keine rechte Gewalt ans Licht gekommen, als gäbe es keine radikalen Nazi-Gruppierungen bei Polizei und Militär, die sich allesamt gegenseitig in WhatsApp-Gruppen mit genau solchen Verschwörungstheorien radikalisieren, die eben auch von der AFD in auffälligem Umfang gedacht und geteilt werden.

Die AFD ist ein Brandbeschleuniger und nutzt Verschwörungstheorien gezielt, um gesellschaftliche Funktionen der Massenmedien zu subvertieren. Diese Partei verwertet genau diese Mechanismen, die zur Radikalisierung von Nazis wie dem Täter von Hanau führen, und setzt sie in politisches Kapital um. Das Internet bietet hierzu eine ideale Umgebung, das MIT hatte im August vergangenen Jahres eine ganze Publikationen voller Aufsätze und Papers zum Phänomen der internetbeschleunigten Verbreitung von VTs veröffentlicht.

Deshalb ist auch dieser Anschlag mit seinen 11 Toten ein Fall netzradikalisierten, stochastischen Nazi-Terrors, wie er spätestens seit Christchurch typisch ist für rechtsmotivierte Amokläufe. Dieser Anschlag war weder der erste (Dylann Roof, Christchurch, Lübcke, El Paso, Halle), noch wird es der letzte bleiben. Stochastischer Terrorismus ist die gezielte Radikalisierung eines ganzen Schwarms von lose vernetzten Menschen, in dem früher oder später einzelne Elemente durchknallen. Ein Weg für diese Radikalisierung ist die Verbreitung von Verschwörungstheorien, die direkt die Psyche der Menschen manipulieren und Fight’n’Flight-Mechanismen aktivieren.

Das Internet und seine unendlichen Rabbit-Holes sind die idealen Inkubatoren für genau diese Formen der Verschwörungstheorien, die auch von der AFD, ihren Politikern und Mitgliedern und von ihren Lemmingen verbreitet werden. In Kombination mit Rassismus und völkischem Gedankengut entsteht so eine tödliche Mischung und so ist auch dieser Fall kein Einzelfall, sondern ein Teil einer ganzen Serie von rechtsterroristischen Anschläge, deren Gemeinsamkeit diese fiktiven Verschwörungstheorien im Netz darstellen.

Spätestens jetzt ist klar, dass Menschen mit Migrationshintergrund, Juden und Menschen, die sich gegen rechte Strukturen engagieren, in diesem Land nicht mehr sicher sind. Die AFD trägt hierfür einen großen Teil der Verantwortung, unter anderem durch ihre skrupellose Ausnutzung von psychologischen Netz-Mechanismen.

Weiterführende Links:

r/de: Anschläge in Hanau – Megathread [Reddit]
Live-Berichterstattung auf Phoenix
Liveticker der Tagesschau
Naziterror in Hanau [Telepolis]
Die Wahnwelt des mutmaßlichen Attentäters [Spiegel]

Online-Radikalisierung auf Nerdcore:

Der Anon-Rechtsterrorismus von Halle
Der virale Terrorismus von Christchurch
Die PewDiePipeline: Wie edgy Humor zu Gewalt führen kann
Hotwheels über 8chan: Die Story einer Chan-Radikalisierung und die Ideologie der Anonymität
El Paso und 8chans Gamification von Rightwing-Terror
Digitaler Faschismus als Emergenz des Freien Internet
Infinite Evil: Dokumentation über 8Chan und den rechtsterroristischen Anschlag von Christchurch

Studie: Soziale Medien steigern Nachrichtenvielfalt

Eine weitere Studie widerlegt die These der Filterblase und bestätigt gesteigerten und vielfältigeren Nachrichtenkonsum. Die Forscher sprechen in ihrer Pressemitteilung zur Studie fälschlicherweise davon, dass die Ergebnisse auch die Bildung von Echokammern widerlegen würde, das Gegenteil aber ist der Fall. Vor ein paar Tagen erst bloggte ich über eine weitere Studie, die ebenfalls einen gesteigerten, vielfältigeren Nachrichtenkonsum konstatiert – und zwar innerhalb dieser Echokammern, in denen Leute ihre eigene Haltung mit Verweisen auf Nachrichten und Meldungen gegenteiliger Meinungen zementieren.

Dr. Frank Mangold von der Universität Hohenheim erklärt: „Unsere Ergebnisse zeigen […], dass soziale Medien und Suchmaschinen durchaus das Potenzial haben, bestehende Mauern zu überwinden“. Und genau das ist das Problem.

Die Gleichung ist einfach: Je mehr Internet, desto mehr Nachrichten aus allen Lagern, auch aus dem der „Anderen“. Diese Meldungen nutzen wir vor allem dafür, die Echokammer unseres Tribes zu befeuern und damit unsere eigene Haltung zu stärken. Ich vermute, die meistgeklickten News-Items in polarisierten Tribes stammen aus dem jeweils gegnerischen Lager. Die beiden Studien stehen meines Erachtens nicht im Widerspruch zueinander und ergänzen sich.

Paper: How social network sites and other online intermediaries increase exposure to news // Spektrum

“Wer Facebook oder Google besucht, kommt mit einer größeren Wahrscheinlichkeit mit Nachrichten in Kontakt. Die Nutzung dieser Intermediäre ist daher ein wichtiger Mechanismus für den Konsum von Nachrichten im Internet”, erklärt Dr. Frank Mangold von der Universität Hohenheim. Das Forscherteam führt dies auf das Konzept der zufälligen Rezeption von Nachrichten zurück. In traditionellen Medien wie Fernsehen und Zeitung sehen Bürgerinnen und Bürger Nachrichten oft nur, wenn sie diese bewusst auswählen. Auf intermediären Plattformen kommen Menschen auch zufällig mit Nachrichten in Berührung, etwa wenn ihre Kontakte Nachrichteninhalte teilen oder sie beim Abrufen von E-Mails auf interessante Artikel stoßen.

Die Studienergebnisse haben, so die Forscher, bedeutsame politische und gesellschaftliche Implikationen, weil sie der Bildung von Filterblasen oder Echokammern widersprechen. “Bisherige Debatten haben sich in vielerlei Hinsicht um die Befürchtung gedreht, dass Online-Medien zur Entstehung neuer Mauern in der Gesellschaft führen”, so Prof. Dr. Michael Scharkow von der JGU. “Unsere Ergebnisse zeigen demgegenüber, dass soziale Medien und Suchmaschinen durchaus das Potenzial haben, bestehende Mauern zu überwinden.”

[Das Geile Neue Internet 7.2.2020] Virale Kooperation und Corona-Angststürme; Martin Gurri on Revolt, Populism, and Reaction; The Other as Noise

Memetics and Virality

Philosophy

  • The Hierarchy of Cringe
  • Lying Eyes – The Victorian roots of facial recognition
  • Protocols: Duty, Despair and Decentralisation transcript
  • I’m saying for quite some time now that the Digital pretty much made postmodernity a real thing, distinct from theorizing and this guy seems with me: The Iowa caucus affair last night was a masterclass in hyperreality: „everybody got excited about postmodernism, nobody was ready for postmodernity“.
  • And here’s Ed Simon in The Millions reviewing Peter Pomerantsevs books (Nothing Is True and Everything Is Possible and This Is Not Propaganda) stating, more or less, the same. The new is not that people lie and tell fantastical stories about the evil Other, but that it simply doesn’t matter and that is postmodernity which left the theoretical realms of academic thought and was made real, by, I’d like to add, editable bits and bytes on screens.

    Pomerantsev […] describes a “world of dark ads, psy-ops, hacks, bots, soft facts, fake news, deep fakes, brainwashing, trolls, ISIS, Putin. Trump,” where the author meets “Twitter revolutionaries and pop-up populists, trolls and elves, ‘behavioral change’ salesmen and Infowar charlatans, Jihadi fan-boys, Identitarians, truth cops, and bot herders.” […]

    Any radically new information technology alters human consciousness, and has the potential to promulgate disinformation amongst a credulous public not yet literate in the vagaries of the new order. Medieval manuscripts were no more accurate than websites; 14th-century readers of the anonymous The Travels of Sir John Mandeville thrilled to stories about dog-headed Cynocephalics, and two centuries later a rash of printed apocalyptic pamphlets, like the “English Nostradamus” Mother Shipton’s pseudographical prophecies, spread throughout Europe, driving paranoia as surely as Reddit and Twitter defuse QAnon conspiracy theories today. Yet Pomerantsev would be correct in saying that our current predicament is of a different kind, for unlike manuscript or print, our smartphones make us veritable cyborgs, creatures with super computers in our pockets who are continually, potentially connected by network to every other fellow cyborg in the world. This relativist consensus, an epistemic collapse that allows everyone to choose whatever truth is convenient to them, is a type of post-modern magical thinking.

Media Manipulation and Fakes

Culture Wars

Hate Speech

  • Hass gegen Journalisten: “Und morgen bist du tot!”: Seit Jahren erhält der Journalist Hasnain Kazim Morddrohungen, zuletzt mehrere täglich. Er steht auf Todeslisten, Anzeigen bleiben folgenlos. Was macht das mit einem?
  • When a subreddit is devoted to stalking a New York Times reporter: There’s an entire subreddit dedicated to hating on one influencer that is literally obsessed with me and has posted multiple hate threads and conspiracies about me. Like, these people are sick. It’s bizarre and honestly terrifying.
    The worst part of being a journalist is being even semi in the public eye. Even dealing with a fraction of what actual public figures go through has been shocking and horrible. It’s completely changed how I live my life and has severely affected my mental health over the past yr.

Psychology

  • The Other as Noise – Has technology made us more susceptible to misophonia, the inability to tolerate the sounds other people make?

    The repetitive sounds that irresistibly draw and saturate misophonics’ concentration can be likened to another contemporary phenomenon: push notifications, which are also designed to hijack attention. Misophonic triggers can feel like auditory dark patterns, as if they were deviously designed to distract us rather than being the incidental and inevitable sounds people make when going about their business.

  • Einer der meistzitierten psychologischen Effekte der Debattenkultur ist der Backfire-Effect, nachdem Menschen auf die Präsentation von Fakten, die nicht ihren Haltungen entsprechen, nicht etwa mit einer Änderung ihrer Meinung reagieren, sondern mit einer Verstärkung der Haltung. Es gibt Gesprächs-Strategien gegen diesen Effekt, beispielsweise hilft es bei ideologisch oppositionellen Gesprächspartnern, an die jeweiligen Werte zu appellieren. Einen Konservativen überzeugt man von Klimaschutz-Argumenten eher nicht mit Wissenschaft, sondern mit der Zukunft seiner Kids.

    Eine weitere Strategie gegen den Rebound-Effekt wurde nun in einem neuen Paper bestätigt: Gespräche, die ohne Wert-Urteile über die Haltung des Gegenübers geführt werden, führen zu weniger Blockadehaltungen, grade und vor allem bei emotional aufgeladenen Themen. No shit sherlock.

Journalism

  • Can Journalism Be Saved?: There are plenty of examples from other fields in which originally commercial activities stopped making money but were preserved because of their obvious social value (opera, or streetcars and subways), or of activities the market supported to some extent, if not to the extent the country needed (such as pure scientific research).
  • Warren Buffett steigt aus dem Nachrichten-Geschäft aus: Warren Buffett Will Sell His Newspaper Empire: With a deal to sell Berkshire Hathaway’s newspapers to Lee Enterprises, the billionaire is giving up on the news business.
  • Misleading media coverage of Warren’s voting-related disinformation plan: A tweeted headline omitted an essential qualifier, setting off a chain of misinformation.
  • Publishers are growing audiences by producing less content: Publishers including the Guardian, News UK’s The Times of London and Le Monde have trimmed the number of articles they publish, leading to a growth in audience traffic, higher dwell times and ultimately more subscribers.

Politics

  • Martin Gurri identifiziert das Phänomen des Schwarms als ausschlaggebenden Faktor für den weltweiten Aufstieg der Populisten und ich denke, er hat Recht: Revolt, Populism, and Reaction – The turbulent 2010s may be a harbinger of things to come.

    The rise of the public as a leading actor on the political stage, and the angry impulse to repudiate the established order, provide the theme for the 2010s. The decade ended in a flood tide of revolt—and the meaning of it all is up for grabs. The human race seems to be wandering in the wilderness, caught in a migration out of the industrial age to parts unknown. The public is trapped in a mesh of rejection and negation, unable to articulate positive demands. The elites face a dire choice: between reacting on behalf of the old order or leaping into the void of structural reform. Democratic institutions, adapted to a largely vanished era, continue to bleed authority and legitimacy at a dangerous rate.

    Hier noch ein Podcast mit Gurri über „The American public’s relentless desire to destroy the established order without any clue about what comes next [and] How the rising tsunami of information is tied directly to increasing levels of social and political turbulence“: Why is everybody so damn angry?

  • I might get flag for this but Im with Zuck on this one. Since when do politicians not lie in political ads? The only argument I’d follow is that FB-Ads might be indistinguishable from editorial content, which is where I’d draw a line.

    Facebook commitment to free speech will ‘piss people off’, Zuckerberg says: “We’re going to stand up for free expression,” he said, apparently referring to the company’s decision to resist pressure to ban political ads because it would be too tough to determine the line between true and false content.
    “It’s unfortunate that this is such a controversial thing,” Zuckerberg said, adding that critics of his stance are typically “people not at risk of being censored themselves”.

  • Politischer Strukturwandel: Bullshit untergräbt die Demokratie
  • The new class war: did a liberal elite pave the way for rise of Trump?

The Purity Spiral

Guter Artikel und Podcast über Empörungsmemetik in Online-Subkulturen am Beispiel von Strick-Communities und Young Adult Novels. Gavin Haynes identifiziert korrekterweise Gossip als Hauptmechanismus der von ihm sogenannten Purity Spiral: How knitters got knotted in a purity spiral – A process of moral outbidding is corroding small communities from within.

You might think online knitting and teen fiction would be innocuous cosy communities formed around a shared love of craft and a good yarn. However, as Gavin reveals, both scenes have recently become embroiled in what he terms The Purity Spiral. These vicious cycles of accusation and judgement see communities engaging in moral feeding frenzies. As a result, individuals are targetted and savaged by mobs who deem them problematic.

Gavin meets Nathan Taylor, an Instagram knitting star who unwittingly triggered a race row after attempting to reach out to people of colour using the hashtag Diversknitty. Nathan watched in horror as a wave of accusations of white supremacy and Nazism flowed into his inbox. This brush with the toxicity of a Purity Spiral was so severe that Nathan was hospitalised by his husband following a suicide threat. […]

A purity spiral occurs when a community becomes fixated on implementing a single value that has no upper limit, and no single agreed interpretation. The result is a moral feeding frenzy. But while a purity spiral often concerns morality, it is not about morality. It’s about purity — a very different concept. Morality doesn’t need to exist with reference to anything other than itself. Purity, on the other hand, is an inherently relative value — the game is always one of purer-than-thou.

It’s not just another word for ‘woke culture’, or even ‘cancel culture’, or ‘virtue signalling’. Even though intersectional social justice is a pretty great breeding ground for purity spirals, it is one among many. Nor is it confined to the Left: neo-Nazi groups offer some of the clearest examples of purity spirals: the ongoing parsing of ethnic purity into ever-more Aryan sub-groups. Perhaps the most classic one of all hails from Salem, Massachusetts.

FBI-Direktor warnt vor ständigen Informationskrieg

7. Februar 2020 12:25 | #Allgemein #Memetik #Politik #synch

Der FBI-Direktor Chris Wray hat vor einem ständigen Informationskrieg durch Russland gewarnt. Das Statement muss man realistischerweise ausweiten, denn Desinformationskampagnen und Manipulation der Informationsströme (nicht nur) durch staatliche Akteure sind ein globales Phänomen.

Memetic Warfare ist eine Konstante. Das war sie schon immer, man sieht’s jetzt halt. Die Produktionsmittel der memetischen Kriegsführung wurden durch das Digitale demokratisiert und heute darf jeder mal ballern, und sei es nur gegen einen „Drachenlord“. Memetische Kriegsführung ist kein partisanes Phänomen einer Seite, sondern eine Eigenschaft der Digitalität, basierend auf grundsätzlicher Editierfähigkeit und damit Manipulierbarkeit aller Inhalte und emotionsgesteuerter Informationsdistribution. Die demokratische, redliche, transparente Variante der „memetischen Kriegsführung“ ist der „Marketplace of Ideas“ und die Logik des Informationskriegs folgt den psychologischen Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie.

Russia, just as it did in 2016, is relying on a covert social media campaign aimed at dividing American public opinion and sowing discord. That effort, which involves fictional personas, bots, social media postings and disinformation, may have an election-year uptick but is also a round-the-clock threat that is in some ways harder to combat than an election system hack, Wray said.

“Unlike a cyberattack on an election infrastructure, that kind of effort — disinformation — in a world where we have a First Amendment and believe strongly in freedom of expression, the FBI is not going to be in the business of being the truth police and monitoring disinformation online,” Wray said. […]

“They identify an issue that they know that the American people feel passionately about on both sides and then they take both sides and spin them up so they pit us against each other,” Wray said. “And then they combine that with an effort to weaken our confidence in our elections and our democratic institutions, which has been a pernicious and asymmetric way of engaging in … information warfare.”

Meme als Ideen-Kompression

7. Februar 2020 10:47 | #Allgemein #Memetik #Philosophie #synch

Meme als Kompression, ein Text transportiert beispielsweise 50 Ideen in 5 Minuten, also grob 0,15 Ideen pro Sekunde. Ein Bild dagegen transportiert zwar nur eine handvoll Ideen, kommuniziert diese aber innerhalb einer Sekunde, was zB 2 Ideen pro Sekunde entspricht. Die memetische Kompressionsrate des Bildes ist also grob 25 mal höher als die eines Texts. Ich mag das Konzept, selbst wenn es unausgereift ist: Ideen in Bildern sind vom Betrachter und seiner Kognition abhängig. Ein Farbenblinder erkennt etwa in einem Bild möglicherweise andere Ideen, als andere. Ideen in einem Text sind weniger interpretationsbedürftig.

Andererseits sind Meme als Kompression bereits in meiner Meme-Definition vorab eingebaut: „Garfield“ ist Ausdruck der Idee „anthropomorphe Katze“, also eine Katze mit menschlichen Eigenschaften. Eine „anthropomorphe Katze“ wiederum ist eine weniger abstrakte Version der Idee „Katze“ und diese wiederum ein weniger abstrakte Version der Idee „Tier“ und das wiederum eine weniger abstrakte Version der Idee „Lebewesen“ so weiter. Diese immer höheren Abstraktionsstufen (oder Meme-Level) weisen immer höhere memetische Kompressionsraten auf. Die allerhöchste Abstraktionsstufe mit der höchsten Kompressionsrate wäre in diesem Bild die Idee von Gott oder newschool, die der allumfassenden Simulation.

Die memetische Kompressionsrate wäre eine Neuformulierung oder Abwandlung der Komplexitätsreduktion. Wir alle reduzieren Realität auf eine wahrnehmbare Welt. Wenn wir ein Buch betrachten, sehen wir nicht die Trillionen von Elektronenwolken und ihre Interaktionen und die Magnetfelder, die letztlich die Beschaffenheit des Papiers formen. Wir sehen ein Buch. Wenn wir uns die Hände schütteln ist uns nicht bewusst, dass wir einander eigentlich gar nicht berühren, sondern tatsächlich nur die Abstoßungskräfte elektrisch geladener Teilchen spüren, die in einem Haufen Nichts schweben. Wir schütteln uns die Hände. Die maximale Komplexitätsreduktion wäre ebenfalls mythologisch. Gott bzw. Der Simulationsgedanke reduziert die Komplexität der Welt auf eine einzige Idee und die Realität mit all den Quarks und Elektronen, ihren Orbits und Quantenzuständen, ist die höchste, nicht mehr wahrzunehmende Komplexität.

Genau deshalb gibt es das mythologische Bild der „Blendung durch die Ansicht Gottes“, das Äquivalent zur Blendung durch Erkenntnis in Platos Höhlengleichnis. Eine Verstümmelung der Kognition durch Konfrontation mit der maximalen Komplexität: Das maximal komprimierte Meme – Gott/Simulation als memetische Singularität – transportiert soviel Information, dass sie unsere Wahrnehmung buchstäblich verbrennt.

Jonathan Pie is cancelled

Der großartige Jonathan Pie wechselt von kurzen Rants zu langen, aufwändiger inszenierten Comedy-Sketches und ist nach wie vor der derzeit vielleicht aktuellste Comedian, der am nächsten am Zeitgeschehen dran ist. Das fing vor einer Woche mit seinem 15minütigen Sketch über den Klimawandel (Video ganz unten) an und nun hat er einen weiteren Clip über Brexit und Outrage-Culture nachgeschoben, in dem er unwissend während Brexit-Protesten ein Selfie mit UKIP-Unterstützern schießt und vom Twitter-Mob gecancelt wird. Moderne Zeiten halt, everybody’s the asshole.

Und das Bit über Journalisten auf Twitter ist 100% spot on: „Twitter is a godsend! You just scroll through it and someone somewhere is saying exactly what you want them to say. It’s journalism for toddlers really! You’re always looking for the extremes, so with remainders you want the upset ones, you know: shouting – or crying is always good. And with leave voters, obviously, you’re looking for the ones who look a bit racist.“

Am Ende kommt literally die Sprachpolizei. Das Video bringt unsere geile neue Zeit ziemlich auf den Punkt und my god, I love Jonathan Pie.

PIE NET ZERO

Online-Echokammern florieren dank Sichtbarkeit gegensätzlicher Meinungen

Eine der am häufigsten kritisierten Theorien der Online-Kommunikation ist die der Filterblasen und Echokammern. Erstere schneiden User angeblich von anderen Meinungen der politischen jeweiligen Opposition ab, letztere verstärken die Haltungen und Werte des eigenen Lagers, vor allem durch das Sharing von Inhalten aus der eigenen Gruppe.

Die Filterblase als solche wurde als unterkomplexe Theorie bereits mehrfach widerlegt: Ich mag auf Facebook dank meiner Präferenzen und des Algorithmus vor allem mit Nachrichten konfrontiert werden, die meiner eigenen Haltung entsprechen, das bedeutet aber nicht, dass User nicht gezielt nach anderen Meinungen suchen oder auf anderen Plattformen gegenteilige Meinungs-Inhalte sehen. Und nun stellt sich heraus, dass auch Echo komplexer funktionieren, als gedacht.

Echo-Kammern bilden sich anscheinend nicht durch die Verstärkung der Werte und Haltungen des eigenen Tribes, Echo-Kammern florieren laut einer neuen Studie vor allem durch die Verlinkung und Sichtbarkeit anderer, gegenteiligen Meinungen. Linke bauen also ihre Echokammer mit den Tweets von Rechten und Rechte bauen ihre Echo-Kammer mit den Äußerungen von Linken. Ich nenne das seit ein paar Jahren Allsichtbarkeit und finde die Metapher von Sichtbarkeit als tribalistisches Baumaterial sehr brauchbar.

Paper: Echo Chambers Exist! (But They’re Full of Opposing Views) // Rolf Degen

The theory of echo chambers, which suggests that online political discussions take place in conditions of ideological homogeneity, has recently gained popularity as an explanation for patterns of political polarization and radicalization observed in many democratic countries. However, while micro-level experimental work has shown evidence that individuals may gravitate towards information that supports their beliefs, recent macro-level studies have cast doubt on whether this tendency generates echo chambers in practice, instead suggesting that cross-cutting exposures are a common feature of digital life.

In this article, we offer an explanation for these diverging results. Building on cognitive dissonance theory, and making use of observational trace data taken from an online white nationalist website, we explore how individuals in an ideological ‘echo chamber’ engage with opposing viewpoints. We show that this type of exposure, far from being detrimental to radical online discussions, is actually a core feature of such spaces that encourages people to stay engaged. The most common ‘echoes’ in this echo chamber are in fact the sound of opposing viewpoints being undermined and marginalized. Hence echo chambers exist not only in spite of but thanks to the unifying presence of oppositional viewpoints.