Das Oxytocin-Web

In einer 2011er Umfrage des Pew Research Centers gaben rund doppelt so viele User von Social Media Netzwerken an, dass sie andere Personen grundsätzlich vertrauenswürdig einstufen, als Menschen, die Social Media nicht nutzten. (Ich vermute, heute könnte man eine solche Umfrage gar nicht mehr machen). Social Media-User waren als (damals) grundsätzlich vertrauensseliger, als Non-User.

Neuroökonom Paul Zak führte daraufhin im Auftrag von FastCompany einen Versuch durch, um festzustellen, wie sich die Werte des Hormons Oxytocin während der Nutzung von Social Media veränderten. 10 Minuten Twitter sorgten beim aufschreibenden Journalisten für einen Anstieg von 13% und in weiteren Experimenten schoß der Wert während der Kommunikation eines Pärchens um 150% in die Höhe.

Oxytocin wird auch „Kuschelhormon“ genannt und sorgt laut Studien in sicher eingeschätzten Umgebungen für stärkeren sozialen Zusammenhalt einer Gruppe. In als unsicher eingeschätzten Umgebungen dagegen fördert das Hormon defensives Verhalten, Abneigung und Ausgrenzung. Oxytocin spielt auch eine große Rolle bei der Wahrnehmung von sozial auffälligem Verhalten. Eine weitere Studie stellte einen Zusammenhang zwischen Oxytocin und Ethnozentrismus fest.

Ich behaupte, dass unser Oxytocin-Haushalt nicht kompatibel mit Social Media ist und zum allgegenwärtigen Tribalismus führt. Eine Lösung für das Problem sehe ich nur in der Abschaltung einfacher Sharing-Mechanismen wie dem Like-Button und selbst diese Lösung ist nur rudimentär. In anderen Worten: Das „Social“ in „Social Media“ ist das Problem. Offenbar war es bis circa 2014 so, dass die Online-Umgebungen insgesamt als „sicher“ wahrgenommen wurde und sich erst mit dem Mainstream-Erfolg der großen Plattformen eine allgemeine Sichtbarkeit anderer Communities durchsetzte, die vorher in Foren oder auf Blogs kommunizierten. Das änderte die Einschätzung der Online-Umgebung als „unsicher“ und das Hormon Oxytocin befeuerte Ausgrenzung und antisoziales Verhalten auf allen Seiten.

Es sind die Massen der Menschen, die hier eine Oxytocin-Orgie forcieren. Haben wir es im echten Leben mit einem sozialen Netz von maximal 150 Menschen zu tun, die dem Oxytocin-Haushalt eine natürliche Grenze geben, so ist die Anzahl der Kontakte in Sozialen Netzen potenziell unendlich. Die In-Group aus tausenden und abertausenden Gleichgesinnten schubst sich Likes und Herzchen zu und es wird gekuschelt, während exakt derselbe neurobiologischen Mechanismus zu Ausgrenzung und Aggression führt.

Im Ergebnis sind wir alle Hormon-Junkies, die online um Aufmerksamkeit konkurrieren und die diesen Raum in eine aggressive Kampfarena um Oxytocin verwandeln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.