Anything Goes Weird

Der Philosoph Paul Feyerabend prägte den Begriff „Anything goes“ und meinte damit die Voraussetzung des Regelbruchs als einzigen relevanten Grund für wissenschaftlichen Fortschritt. In anderen Worten: Wir haben nur deshalb iPhones, weil Steve Jobs auf die Regeln des Mobiltelefonmarktes stieß, als Computerunternehmen ein sauteures Luxusteil ohne Tasten auf den Markt warf und hoffte, die Leute würden es kaufen. Ein völlig verrückter Plan und zehn Jahre später hat jeder Mensch ein Smartphone in der Tasche. Und nur weil Galileo gegen die Regeln verstieß, wissen wir, dass die Erde eine Kugel ist und um die Sonne kreist. Es is nicht wichtig, ob es Galileo oder Bugs Bunny oder Audrey Hepburn war, wichtig ist nur, dass er im 16. Jahrhundert gegen die Regeln des kirchlichen Dogmas verstieß. Der Regelbruch ist für den Fortschritt verantwortlich, nicht Galileo. Diese einfache Erkenntnis formulierte Paul Feyerabend mit dem Slogan: „Anything goes“. Um Fortschritt zu ermöglichen, muss alles passieren können, vor allem das, was gegen die Regeln verstößt.

Heute leben wir in einer vernetzten Welt, in der circa 5 Millarden Netz-User jeden Tag durch die Feeds scrollen, Medien konsumiert und kommentiert, Medien macht, schreibt, filmt, fotografiert, dokumentiert, auf Facebook, Twitter, Instagram, YikYak, Snaptchat und WhatsApp. Ein dichtes Netz aus emotionsgesteuerten Informationshäppchen, die unsere Realität konstituieren und die die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts bilden. Und diese 5 Millarden Menschen machen Wunder möglich, jeden Tag.

Der Mathematiker John Littlewood definierte als Wunder jene Ereignisse mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:1 Million oder weniger. Jeder Mensch denkt und erlebt jeden Tag hunderte und tausende mikroskopischer Dinge. Das allermeiste wird vergessen, vieles ist Nonsense und Quatsch, das allermeiste völlig belangloses Alltagszeug zur Erledigung des täglichen Bedarfs. Aber hin und wieder, ganz selten, eben eins von einer Million Ereignissen, geschehen uns Dinge, die so seltsam sind, dass man sie als Wunder bezeichnen kann. Man träumt von einer alten Freundin und sie ruft am nächsten Tag an, zum Beispiel. John Littlewood rechnete aus, dass jeder Mensch ungefähr einmal im Monat ein Wunder, oder genauer: Ein außergewöhnliches Ereignis erlebt. (Links: Zeit.de: Jeden Monat passiert ein Wunder, Wikipedia: Littlewoods Law)

Und in einer vernetzten Welt aus 5 Millarden geschehen jeden Monat 5000 Wunder, 166 Wunder am Tag und unser hypervernetztes Social Web wird mit einhundertprozentiger Sicherheit dafür sorgen, dass ihr von jedem einzelnen dieser Wunder erfahren werdet. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass ihr von ein paar dieser Wunder auf diesem Blog erfahren werdet. Das ist die tatsächlich und wortwörtlich „wundervolle“ neue Medienrealität.

Wir leben ebenfalls in einer vernetzten Welt des Fakes, denn diese digitale Realität ist vollständig editierbar. Mit den geeigneten Skills als Programmierer oder Designer, kann ich jede beliebige Wirklichkeit im digitalen Raum herstellen. Eine geschickt ausgewählte Videosequenz einer Auseinandersetzung einer Gruppe Kids mit einem amerikanischen Ureinwohner hält diese Medienwelt für Wochen unter Dauerfeuer.

In einer solchen Medien-Realität ist eine Gesellschaft voller pinkblauer Einhörner möglich, aber nicht glaubhaft. (Noch nicht.) Aber eine Gesellschaft, in der ein abgehalfteter Immobilienmagnat mit Reality-TV-Show und Porno-Affären der Präsident der Vereinigten Staaten werden kann, ist glaubhaft genug und konstituiert die neue Realität.

5 Millarden Menschen im digitalen Raum sind ausreichend, um jeden Tag mehrere Ereignisse sichtbar zu machen, die völlig bizarr sind und gegen jeden gesunden Menschenverstandes verstoßen. Völlig wahnwitzige, irre Dinge, die gestern noch völlig unvorstellbar waren, passieren einfach und zwar jeden Tag, mehrfach. Der Regelverstoß wird zur Regel, wie von Feyerabend formuliert. Im digitalen Raum aber, in dem Fortschritt nicht mehr an die Regeln physischer Realität gebunden ist, sondern vom geschickten Programmierer nach Belieben geformt werden kann, gilt eben nicht mehr nur Feyerabends: „Anything Goes“, sondern: „Anything Goes Weird“! Alles was passieren kann, wird weird (seltsam) passieren. Die gesamte Realität erhält einen kleinen, aber entscheidenden Weirdness-Drall, und damit verliert die Nachricht jeden Wert für unser tägliches Leben.

In einer begrenzten, lokalen Gemeinschaft von 1000 Leuten erfahren wir jeden Tag über die Verfehlungen von 10 Menschen, die böse Dinge begangen haben. Diese Dinge waren aller Wahrscheinlichkeit nach nicht sehr extrem und die Benachrichtigung dieser Mikrogesellschaft hat einen Wert für das tägliche Leben jedes Einwohners. Jürgen hat ein Brot geklaut, steht im Lokalblog dieser Gesellschaft. Das hat einen Wert für Gabi, Ute und Mannfred, die grade überlegt haben, ob sie ein Brot klauen sollen, oder nicht. Durch diese Meldung erfahren sie, dass die Gesellschaft den Diebstahl von Brot verurteilt und bestraft. Also tun sie es nicht. Die Meldung erzeugt einen sozialen Mechanismus und hat einen Wert für die gesamte Gemeinschaft. In einer Gesellschaft von 5 Millarden Netzusern aber werden die Meldungen so bizarr und so außergewöhnlich, so „wunderbar“, dass sie für das Leben des Einzelnen keinerlei Rolle spielen. Damit verliert die Nachrichtenmeldung des Bizarren ihre gesellschaftliche Funktion. (Link: Gwern: Littlewood’s Law and the Global Media)

Das ist einer der Gründe, weshalb sich unsere Realität seit circa 5 Jahren so seltsam (englisch „weird“) anfühlt. Wir haben circa 2014 die kritische Masse an vernetzten Menschen überschritten, die es braucht, um diesen Effekt zu erzeugen und er wird von Tag zu Tag spürbarer. Jeder Tag ist ein kleines bisschen weirder, als der vorherige.

Das einzige, was wir tun können, ist: Nachrichten vom „Außergewöhnlichen“ keinerlei Beachtung schenken, ein bisschen „Neue Langweiligkeit“. Möglicherweise war „Normcore“ eine bereits vor Jahren formulierte ästhetische Antwort auf diese neue Weirdness der Realität, als die Mode vor ihrem immer schrilleren Innovationskunsttaumel in eine markenlose, langweilige, eintönige Ästhetik flüchtete.

Eine andere Antwort ist das Verhalten von einigen lokalen Netzwerken aus Kids auf Instagram, von denen mir ein Bekannter berichtete: Die Kinder einiger Schulklassen gingen dazu über, nur und NUR noch positive Nachrichten abzusetzen. Newschool IHDGDL („Ich Hab Dich Ganz Doll Lieb“) und so weiter. Es werden keine anderen Botschaften zugelassen und wer von dieser Regel abweicht, wird sofort ausgegrenzt. Das erscheint auf den ersten Blick oberflächlich und totalitär, bietet aber bei genauerer Betrachtung einen Schutz vor genau dieser Weirdness: Das „Besondere“, „Außergewöhnliche“ wird nicht mehr zugelassen und ausgegrenzt. „Hard talking trolling“ war gestern, die Zukunft wird kuschelig. Diese einseitige Kommunikationsform des „Newschool IHDGDL“ erschafft ein Realitäts-Plateau, auf dem die Kinder ihre soziale Welt erfahrbar machen können, ohne Störungen durch die netzrealitäts-immanente Weirdness und damit haben sie den Erwachsenen mal wieder sehr viel voraus.

Die Aufgabe der Medien des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr weiter, das Außergewöhnliche zu berichten, sondern über die Proportionen der Dinge zu berichten. Der Mord ist nicht mehr weiter berichtenswert, sondern die 7,999999999 Millarden nicht geschehenen Morde. Sie sind das tatsächlich außergewöhnliche Ereignis. Nicht mehr Trumps Piss-Tape ist berichtenswert, sondern die relative Unbestechlichkeit großer Teile der Politik weltweit. Das Außergewöhnliche wird so in Relation gesetzt und sein wahres Ausmaß wird sichtbar: Der Mord ist immer noch ein Verbrechen, wird nun aber für die Gesellschaft ertragbar.

Und überträgt man die oben geschilderte Schutzstrategie der Kids auf Medien, dann müssen Websites und Nachrichtenseiten, die das Außergewöhnliche berichten, hochjazzen, hyperventilieren, in knalligen Headlines formulieren und Clickbait betreiben, gesellschaftlich geächtet werden. Wir brauchen also einen Normcore-Journalismus, der die Flut der Information zur Realität in Beziehung setzt und die hyperbolischen Fake News runterproportionalisiert: „Ja, Trump hatte eine Affäre mit einem Porno-Star, und gleichzeitig gehen 22638 Politiker weltweit ihrer Arbeit nach, genau in diesem Moment, und sie erledigen einfach ihren Job, dann gehen sie nach Hause, spielen ein bisschen mit den Kindern, essen gemeinsam ein leckeres Sandwich, abends dann ein nettes Glas Wein, dann gehen sie zu Bett, um morgens erneut aufzustehen und zur Arbeit zu fahren, wie jeder andere auch.“ Es wäre eine Maßnahme gegen hyperbolische Medien-Emotionalität. (Ob es funktionieren würde, ist ein anderer Punkt. Denn eine Ächtung schriller Hyperbole-Medien würde gleichzeitig einen Markt und eine Nachfrage schaffen. Die Leute stehen auf Thrill, simple as that.)

Kuschelstrategie als Bewältigungsmechanismus einer Welt, die sich einer Informationsflut mit Seltsamkeitsdrall ausgesetzt sieht, anything goes weird. Willkommen in der Twilight Zone.

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