Slavoj Žižek über Krieg in Europa vs Jordan Peterson über Vulgärmarxismus

Der DLF hat ein interessantes Gespräch mit Slavoj Žižek, der darin ein paar kluge und beunruhigende Dinge über neue Kriege in Europa sagt, und die Philosophie-Radiosendung Sein und Streit hatte vor ein paar Wochen erst ein längeres Interview anlässlich seines 70. Geburtstages darüber, dass die Linke zurzeit überhaupt kein alternatives Projekt hat und mit ihrem repetitiven Habitus in den 2000er Jahren praktisch genauso reaktionär wurde, wie die verhasste Rechte. Beide Interviews zeichnet aus, dass sie meilenweit interessanter sind, als die angebliche „Debate of the Century“ zwischen Jordan Peterson und Slavoj Žižek (hier auf Youtube).

Dass sich Peterson ausgerechnet „Happiness“ und Marxismus als Thema aussucht, obwohl er außer ein paar Schlagworten nichts über Marxismus weiß, den Postmodernismus vor allem aus der Perspektive eines einzigen Buches kritisiert (Stephen Hicks „Explaining Postmodernism“, guter Takedown des Buches hier) und vom oberflächlichen Pursuit of „Happiness“ selbst nicht allzuviel hält, ist mir ein völliges Rätsel. Dass Žižek auf diesem Feld hier leichtes Spiel hat, wunderte ich nicht. Ich hätte aber auch nicht damit gerechnet, dass Peterson grade mal ein bisschen im kommunistischen Manifest liest zur Vorbereitung. Ich fand diese Debatte ganz ganz furchtbar und da wir alle mittlerweile im Film „Idiocracy“ leben, haben intellektuelle Streitgespräche nun die Qualität eines Wrestling-Matches, in dem das Publikum johlt und ihre Ecke lautstark anfeuert. Würg.

Warum sich hier zwei Menschen, die beide eine tiefe Ideologie-Skepsis umtreibt und die beide (pop)kulturell hochgebildet sind, die den (pop)kulturellen Rahmen immer und immer wieder als neomythologisches Framing ihrer Theoriengebäude benutzten, die beide aus der Psychologie stammen und die hier mit mehr Vorbereitung und einem etwas geschickt gewählteren Rahmen auf ein solch billiges Scharmützel bezüglich einer anachronistischen Weltsicht aus Zeiten der Industrialisierung einlassen, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. In einer Parallelwelt hätte Peterson Žižek ein paar Zitate aus Pinocchio zur illustration der Conditio Humana um die Ohren gehauen und der hätte mit Radiohead gekontert. Aber nein, die streiten ernsthaft darüber, ob es „Neo-Marxisten“ gibt und ob das die Lehrer an den Oberschulen sind. Wie langweilig, wie gestrig.

Noch langweiliger waren dann die Reaktionen der Medien, die möglicherweise auch gar nicht wussten, was sie schreiben sollten. Sam Miller und Harrison Fluss beschreiben die Debatte im Jacobin aus streng marxistischer Perspektive und fanden sie wohl auch eher langweilig (weil eben weder ein strenger Marxist auf der Bühne war, noch ein ausreichend giftiger Antimarxist). Johannes Thumfart kriegt in der Zeit einen langweiligen Text hin, der dieser Debatte mehr oder weniger angemessen war, während Arno Frank auf spOnline lügen muss, um Peterson als den rechten Demagogen zu zeichnen, der er nicht ist. Das fairste Stück über die Debatte findet man ausgerechnet beim Guardian mit folgender bemerkenswerten Stelle:

They seemed to believe that the “academic left”, whoever that might be, was some all-powerful cultural force rather than the impotent shrinking collection of irrelevances it is. If the academic left is all-powerful, they get to indulge in their victimization.

And that was the great irony of the debate: what it comes down to is that they believe they are the victims of a culture of victimization. They play the victim as much as their enemies. It’s all anyone can do at this point.

Die Debatte und grade und vor allem ihr thematischer Inhalt war eine Kapitulation vor dem Opferkult der illiberalen Linken und dem Outrage-Wahnsinn. Immerhin war Žižek unterhaltsam dabei.

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