Die Fälschung als digitale Möglichkeit

Zaynep Tufekci schreibt in einem kurzen Text auf Wired, das Internet habe aus uns allen Betrogene und Zyniker gemacht. Er meint damit, dass der digitale Raum von Fakes überschwemmt wird und in Folge dessen ein Zynismus gegenüber digitaler Realität herrscht, in dem nichts mehr als „echt“ wahrgenommen wird. Das Internet sei eine „Low-Trust-Society“ und er hat natürlich Recht damit. Amazon wird von gefälschten Reviews überschwemmt, die russische Troll-Army wiegelt Aktivisten-Gruppen gegenseitig auf und Influencer auf Instagram sind die scheinglücklichsten Menschen der Welt. Dann allerdings verkürzen er und Cory Doctorow auf Boing Boing das Phänomen auf eine Kritik des Kapitalismus, in der der digitale Fake eine Reflektion des Zynismus der Marktideologie darstellt.

Low-trust societies aren’t fun places to live. As Tufekci writes, “You expect to be cheated, often without recourse. You expect things not to be what they seem and for promises to be broken, and you don’t expect a reasonable and transparent process for recourse. It’s harder for markets to function and economies to develop in low-trust societies. It’s harder to find or extend credit, and it’s risky to pay in advance.”

I think Tufekci is right here, and moreover, I think that the low-trust society of the internet is a reflection of a reduction in the amount of trust in our society at large. On the one hand, you have decades of treating poor people as presumptive criminals, now codified in a set of automated systems that produce a “digital poorhouse,” that punishes truthfulness and requires everyone in the system to lie to fit the algorithm’s expectations.

Ich halte diese Analyse für eine Verkürzung, die davor zurückschreckt, die Ursachen für die Irrealität des Digitalen in den Bedingungen des digitalen Raumes selbst zu suchen. Und die Feed-Algorithmen bevorzugen auch nicht Fakes per se, sondern sie bevorzugen starke Emotionen, ob diese nun von einer Fälschung erzeugt wurden oder nicht.

Genau jetzt basteln Leute Fakes von Star Wars mit Nicolas Cage als Luke Skywalker und fiesere Trolle bauen Fake-Videos von Politikern, die betrunken wirken. Nicht weil sie sauer sind auf globale Konzerne oder weil der Kapitalismus die Entfremdung zwischen den Menschen beschleunigt, sondern weil es Spaß macht und Menschen seit sie auf zwei Beinen laufen können Freude an Fiktionen finden. Und selbstverständlich gibt es grundsätzlich bösartige Fälschungen, deren Motivation die gezielte Schädigung von Mitmenschen ist. Leute bezahlen Geld für Deepfake-Pornos mit dem Crush, Menschen legen Twitter-Accounts an, um ganze Netzwerke zu infiltrieren aus politischen oder persönlichen Gründen und auch hier ist die Motivation nicht (nur) Marktlogik, sondern kriminelle Energie, politische Agenda, dumme Geilheit oder reiner Sadismus.

Das Internet ist ein psychosozialer Baukasten, wir spielen hier Rollen und stellen Personen dar, die wir im wirklichen Leben nicht oder nur zu geringeren Anteilen erfüllen könnten. Wir basteln digitale Personae, die mal mehr, mal weniger mit unserem Realen selbst zu tun haben und nichts im Digitalen ist wirklich, bis auf den Kommunikationsprozess selbst, der sich allerdings ebenfalls dem digitalen Editierbarkeitsdogma unterwirft. Likes und Favs werden gekauft um unseren Status und unsere Sichtbarkeit zu erhöhen und man könnte Argumentieren, dass die Gamifizierung der Kommunikation per demokratisierter Massenmedien ein Ausdruck kapitalistischer Logik ist, aber soweit ich weiß, haben nicht große Konzerne Technologien wie Deepfakes entwickelt, sondern Wissenschaftler der KI-Forschung, die ihren Code als Open Source allen zur Verfügung stellten.

„On the internet no one knows you’re a dog“ ist einer der bekanntesten One-Liner der Internet-Philosophie und er kommt erst jetzt seit ein paar wenigen Jahren zu voller Tragweite. Das hat auch mit Ungleichheit zu tun, aber vor allem mit der Lust des Menschen am Spiel. Die antikapitalistische Analyse des digitalen Fake-Phänomens greift zu kurz und ihre Reduktion des Zynismus in der digitalen Welt auf eine Reflektion des (angeblichen) Zynismus im Spätkapitalismus verkennt sowohl psychologische Motivationen.

Aber es ist die grundsätzliche Editierfähigkeit aller Inhalte und unsere Lust an der Fiktion mit all ihren beeinflussenden Möglichkeiten, die den Fake zuvorderst erzeugt. Erst in einem zweiten Schritt erzeugen kapitalistische und/oder politische Motivationen Phänomene wie Fake News. Wer die grundsätzliche Fähigkeit des Digitalen ausblendet, fiktionale Realitäten der sozialen Kommunikation zu schaffen, dessen Analyse bleibt unvollständig. Und nicht zuletzt darf auch die Rolle von InfoSec-Aktivisten und Hackern nicht unerwähnt bleiben, die seit immer auf einem angeblichen Recht auf Anonymität pochen und damit das Spiel der Auflösung von Realität von Anfang an mitbetreiben, die nun von ihnen selbst beklagt wird.

Der digitale Fake als solcher ist auch ein Ausdruck kapitalistischer Wettbewerbslogik, innerhalb derer es einfacher und billiger ist, Likes und Reviews zu kaufen, statt sie sich zu erarbeiten. Aber vor allem ist der digitale Fake eine Nutzung digitaler Möglichkeiten, die durch die Codifizierung von Realität in 0 und 1 eine grundsätzlich veränderliche Wahrnehmung schafft. Wer das ausblendet, denkt in alten Mustern über neue Möglichkeiten nach.

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