Digitalmediale Vernetzung der Massen als neuer Mechanismus gesellschaftlicher Kanons

Interessante Analyse, die sinkenden Vertrauensverlust in Institutionen, Medien und Hochkultur als zweite Sekularisierung bezeichnet und denselben Prozess ausmachen will, der bereits bei der Verdrängung der Religion als zentrale, sinnstiftende, gesellschaftliche Instanz stattfand: Losing Faith in the Humanities – The decline of religion and the decline of the study of culture are part of the same big story.

Ich stimme dieser Analyse nicht zu. Der Artikel beruft sich auf ein Ende des historischen Kanonisierungsprozesses, der Bildung kultureller Richtungsvorgaben als Orientierungsvektor für Gesellschaften. Der Literaturkanon ist das, was man gelesen haben sollte, der normierte Verhaltenskodex wie der freundliche Gruß am Morgen ist kulturell-gesellschaftlicher Kanon, genau wie die besten 100 Filme aller Zeiten.

Der Kanon ist eine Form des kollektiven Gedächtnisses und auch wenn der Text seine fatalistische Sicht im Verlauf des Artikels aufgibt, so ist Kanonisierung und die ständige Neuformierung des kollektiven Gedächtnisses als historisierender Prozess nicht am Ende, sie werden aber durch Vernetzung und soziomediale Veränderungen in der Kommunikationsweise der gesellschaftlichen Akteure von Individuum bis Institution neu verdrahtet. Kanonisierung unterliegt heute einer neuen „Last der Diversität“, die ihre eigene Form der Kritik bitter benötigt, denn auch hier manifestieren sich neue Macht-Mechanismen, die nicht unbedacht bleiben können und dürfen.

Aber all das bedeutet nicht das Ende des Kanons oder das Ende von Hochkultur als Richtungsvorgabe für Intellektualität und die Künste. Letztlich ist es das, was mit der „Kritik am alten weißen Mann“ tatsächlich gemeint ist und diese Kritik hat im Kern vollkommen Recht, es ist keine Kritik am weißen Mann und erst Recht nicht einzelnen Ethnien oder Geschlechtern, es ist eine Kritik an unhinterfragter Übernahme anachronistischer Kanons, die in den kommenden Jahrzehnten neu formiert und von einer Trillarde Stimmen neu gebildet werden. Wir erleben nur die Geburtsschmerzen.

Jan Assmann schreibt dazu in seinem hervorragenden 1999er Buch Das kulturelle Gedächtnis folgendes:

Ein Kanon antwortet auf die Frage: „Wonach sollen wir uns richten?“ Diese Frage wird immer dann dringend, wenn die Antwort nicht situativ vorgegeben ist und fallweise gefunden werden kann, d.h. wenn die Wirklichkeit die in der traditionellen und selbstverständlichen Realitätskonstuktion angelegte Typik der Situationen übersteigt und die überkommenen „Maßstäbe“ nicht mehr greifen. Typische Situation solcher Orientierungslosigkeit durch Komplexitätssteigerung ergeben sich bei drastischen Steigerungen des Möglichkeitsraums [Vgl. meine Vorträge über die Explosion der Optionen durch AI, Editierung und Ausrechenbarkeit aller Möglichkeiten]. Der Wandel von ritueller zu textueller Kohärenz [stellte einen solchen weitreichenden Fall einer solchen Ausweitung dar]. Im Rahmen der Schriftkultur verliert die Tradition ihre alternativenlose Selbstverständlichkeit und wird prinzipiell veränderbar. Entsprechendes gilt aber weit über den Bereich der Schriftkultur hinaus. Wenn plötzlich, etwa durch eine weitreichende technische oder künstlerische Erfindung oder auch negativ durch das Verblassen traditioneller Maßstäbe, z.B. der Tonalität in der Musik, sehr viel mehr möglich ist, manifestiert sich ein Bedürfnis, zu verhindern, dass „anything goes“. [Vgl.: Anything Goes Weird], eine Angst vor Sinnverlust durch Entropie.

Änderungen an der Formierung gesellschaftlicher Kanons (es gibt viele davon, Nerdcore ist beispielsweise Teil des Kanons der deutschen Netzkultur, Picasso Teil des Kunst-Kanons, Scorsese des Film-Kanons, Jeff Mills des Techno-Kanons, Hegel des philosophischen Kanons und so weiter) gibt es in der Geschichte immer wieder, vor allem bei Veränderungen der medialen Synchronisation der Gesellschaften. Der Übergang der oralen Kultur der mündlich überlieferten Mythen, Sagen und Märchen wurde verdrängt durch die Schriftkultur mit dem Ergebnis ganz neuer Denkweisen und der Erfindung von Wissenschaft und Philosophie, magisches Denken machte Platz für generationenübergreifendes, schriftlich fixiertes Wissen, das wiederum den Aufstieg monolithisch wahrgenommener monotheistischer Religionen als Orientierungspunkt für Gesellschaften ermöglichte. Diese wiederum mussten tausend Jahre später mit der Erfindung des Buchdrucks und dem erneuten Übergang von Schriftkultur zur Kultur der Massenmedien weichen und mit ihr die alt eingesessenen monolithischen Religionen. Die neuen gesellschaftlichen Orientierungspunkte waren die Erfindung von Bürokratie, der Buchhaltung, der Datenerfassung und den Institutionen sekularer Regierungen und letztlich auch der Nation an sich.

Es wird sich zeigen, welche neuen Orientierungspunkte sich durch die massenhafte, globale Vernetzung und die emotionale Selektionspräferenz der medialen Netze herauskristalisieren, aber wie auch immer diese gesellschaftlichen Synchronisationsmechanismen aussehen werden: Sie werden immer noch Kanons produzieren.

Are the humanities over? Are they facing an extinction event? There are certainly reasons to think so. It is widely believed that humanities graduates can’t easily find jobs; political support for them seems to be evaporating; enrollments in many subjects are down. As we all know.

Even if the situation turns out to be less than terminal, something remarkable is underway. Bewilderment and demoralization are everywhere. Centuries-old lineages and heritages are being broken. And so we are under pressure to come up with new ways of thinking that can take account of the profundity of what is happening. In this situation, we need to think big.

I want to propose that such big thinking might begin with the idea that, in the West, secularization has happened not once but twice. It happened first in relation to religion, and second, more recently, in relation to culture and the humanities. We all understand what religious secularization has been — the process by which religion, and especially Christianity, has been marginalized, so that today in the West, as Charles Taylor has famously put it, religion has become just one option among a smorgasbord of faith/no-faith choices available to individuals.

A similar process is underway in the humanities. Faith has been lost across two different zones: first, religion; then, high culture. The process that we associate with thinkers like Friedrich Schiller, Samuel Taylor Coleridge, and Matthew Arnold, in which culture was consecrated in religion’s place, and that in more modest forms survived until quite recently, has finally been undone. We now live in a doubly secularized age, post-religious and postcanonical. The humanities have become merely a (rather eccentric) option for a small fraction of the population.

Despite the humanities’ variety and dispersion, they accrue a power that is hard to extinguish.
Cultural secularization resembles earlier religious secularization. What happened to Christian revelation and the Bible is now happening to the idea of Western civilization and “the best that has been thought and said,” in Arnold’s famous phrase. As a society, the value of a canon that carries our cultural or, as they once said, “civilizational” values can no longer be assumed. These values are being displaced and critiqued by other ostensibly more “enlightened” ways of thinking. The institution — the academic humanities — that officially preserved and disseminated civilizational history is being hollowed out, partly from within. Only remnants are left.

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