Online-Echokammern florieren dank Sichtbarkeit gegensätzlicher Meinungen

Eine der am häufigsten kritisierten Theorien der Online-Kommunikation ist die der Filterblasen und Echokammern. Erstere schneiden User angeblich von anderen Meinungen der politischen jeweiligen Opposition ab, letztere verstärken die Haltungen und Werte des eigenen Lagers, vor allem durch das Sharing von Inhalten aus der eigenen Gruppe.

Die Filterblase als solche wurde als unterkomplexe Theorie bereits mehrfach widerlegt: Ich mag auf Facebook dank meiner Präferenzen und des Algorithmus vor allem mit Nachrichten konfrontiert werden, die meiner eigenen Haltung entsprechen, das bedeutet aber nicht, dass User nicht gezielt nach anderen Meinungen suchen oder auf anderen Plattformen gegenteilige Meinungs-Inhalte sehen. Und nun stellt sich heraus, dass auch Echo komplexer funktionieren, als gedacht.

Echo-Kammern bilden sich anscheinend nicht durch die Verstärkung der Werte und Haltungen des eigenen Tribes, Echo-Kammern florieren laut einer neuen Studie vor allem durch die Verlinkung und Sichtbarkeit anderer, gegenteiligen Meinungen. Linke bauen also ihre Echokammer mit den Tweets von Rechten und Rechte bauen ihre Echo-Kammer mit den Äußerungen von Linken. Ich nenne das seit ein paar Jahren Allsichtbarkeit und finde die Metapher von Sichtbarkeit als tribalistisches Baumaterial sehr brauchbar.

Paper: Echo Chambers Exist! (But They’re Full of Opposing Views) // Rolf Degen

The theory of echo chambers, which suggests that online political discussions take place in conditions of ideological homogeneity, has recently gained popularity as an explanation for patterns of political polarization and radicalization observed in many democratic countries. However, while micro-level experimental work has shown evidence that individuals may gravitate towards information that supports their beliefs, recent macro-level studies have cast doubt on whether this tendency generates echo chambers in practice, instead suggesting that cross-cutting exposures are a common feature of digital life.

In this article, we offer an explanation for these diverging results. Building on cognitive dissonance theory, and making use of observational trace data taken from an online white nationalist website, we explore how individuals in an ideological ‘echo chamber’ engage with opposing viewpoints. We show that this type of exposure, far from being detrimental to radical online discussions, is actually a core feature of such spaces that encourages people to stay engaged. The most common ‘echoes’ in this echo chamber are in fact the sound of opposing viewpoints being undermined and marginalized. Hence echo chambers exist not only in spite of but thanks to the unifying presence of oppositional viewpoints.

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