Studien über alternative Wirklichkeiten und Ökosysteme rechtsextremer Online-Medien in Deutschland

Ich lese mich grade durch zwei große Berichte über die Plattformen und Social Media-Kanäle der extremistischen Rechten in Deutschland:

Die Veröffentlichung Alternative Wirklichkeiten – Monitoring rechts-alternativer Medienstrategien (hier als PDF) der Amadeu Antonio Stiftung konzentriert sich auf das Zusammenwirken von Plattform, Vernetzung und die kommunizierten Inhalte der Rechten, also welche Inhalte werden auf welchen Plattformen von wem geteilt.

Der Bericht Das Online-Ökosystem Rechtsextremer Akteure (hier als PDF) des Institute for Strategic Dialogue befasst sich vor allem mit kleineren Plattformen und „alternativen Medien“ wie 4chan/8chan oder Discord, die im erstgenannten Monitoringbericht eher nebensächlich behandelt werden. Darüber hinaus analysierten die Forscher für ihre Studie die Sprache von beispielsweise 4chan und fand so etwa heraus, dass mehr als die Hälfte aller Erwähnungen von Juden dort mit antisemitischen Hintergrund erfolgte.

Zusammen ergeben diese beiden Berichte ein gutes Gesamtbild über die Strategien und Wege, wie Nazis im Jahr 2020 ihre Botschaften verbreiten. Hier die Einleitung des Monitoring-Berichts der Amadeu Antonio Stiftung auf Belltower.news, eine Zusammenfassung des Berichts des Institute for Strategic Dialogue findet man auf Telepolis.

Diesen Absatz über die wahnhaften Weltwahrnehmungen der Rechten sollte man spätestens nach dem Rechtsterrorismus von Hanau auswendig lernen:

Durch die Medienstrategien rechts-alternativer Akteurinnen verschiebt sich, wie gezeigt, die Wirklichkeitswahrnehmung ihrer Konsumentinnen. In höchster Steigerung kann dabei ein verschwörungsideologisches Weltbild entstehen, das gegenteilige Fakten gar nicht mehr wahrnehmen will. Solche kollektiven wahn-ähnlichen Wirklichkeitswahrnehmungen rechts-alternativer Akteurinnen sind kein klinisches Phänomen. Sie weisen allerdings Parallelen zu individuellen psychischen Wahnvorstellungen auf. Sie beschreiben eine irrationale und paranoide Sichtweise, die von einer Gruppe geteilt wird. Dabei sind wahnhafte Erzählungen und Verschwörungsideologien nicht allein rechts-alternativen Akteurinnen vorbehalten – jedoch hier sind sie beliebt, als „großer Austausch“, „Islamisierung“, „Lügenpresse“ oder „Umvolkung“. […]

Wenn der kollektive Wahn die Wahrnehmung übernommen hat, erscheint das gesamte Weltgeschehen als Teil einer solchen Verschwörung. Wer sich Debatten über die angebliche Kriminalität von Geflüchteten und Migrantinnen seit 2015/16 vor Augen führt, kann diese Muster erkennen.225 Eine verdrehte und vereinfachte Darstellung von Gegebenheiten – wie sie etwa in wenig differenzierter Presseberichterstattung auftauchen kann – beinhaltet noch keine wahn-ähnliche Wahrnehmung. Doch wenn hinter Tatsachen eine verschwörerische Intention gesehen wird (etwa „Migration wird gesteuert und ist gegen diejenigen gerichtet, die jetzt in Deutschland leben“) und wenn diese von den Betroffenen als unkorrigierbar gehandhabt wird, kann man von kollektiven wahn-ähnlichen Vorstellungen sprechen. Die Unkorrigierbarkeit ist hier das wesentliche und das beunruhigendste Merkmal. Verschwörungsvorstellungen, an denen trotz gegenteiliger Fakten festgehalten wird, haben einen wahn-ähnlichen Charakter; und als kollektive Überzeugungen können sie die Realitätswahrnehmung ihrer Anhängerinnen nachhaltig und gefährlich verschieben.

Hier ein Auszug über die psychologische Kriegsführung durch Meme und Narrative, mit denen die Rechte genau diese wahnhafte Wirklichkeitswahrnehmung im Netz propagiert:

In den USA heben Wissenschaftler*innen die Rolle von Ironie und witzelnder Internetkultur für die amerikanische „Alt-Right“ hervor. Die „Alt-Right“ erreicht junge Männer, die „politische Korrektheit“ zunächst aus Provokation ablehnen, durch Satire und Memes – und verbreitet dabei unter ihnen das Gedankengut der „White Supremacy“, also einer „Weißen Vorherrschaft“. Anstößiger Humor verschaffe rechts-alternativen Online-Aktivist*innen bei Bedarf eine ironische Distanz zum Gesagten, die Schutz vor Vorwürfen des Rassismus biete. Aus beiden Gründen setzen „Alt-Right“-Online-Aktivisten auf „memetische Kriegsführung“ („Memetic Warfare“) – also Kriegsführung mithilfe von Internet-Memes.

Medienforscher William Merrin definiert „memetische Kriegsführung“ als eine Art „fortwährender, kontinuierlicher, und politischer psychologischer Kriegsführung“. Der Begriff „Memetic Warfare“ sei ein reales Phänomen, das Debatten über psychologische Kriegsführung entnommen wurde. Laut Merrin mache die „Alt-Right“ spätestens seit dem US-Wahlkampf 2016 Gebrauch von solchen Internet-Troll-Taktiken, die sich im vorangegangenen Jahrzehnt maßgeblich auf dem Imageboard 4chan entwickelt haben.

Auch im deutschen Raum wird das Radikalisierungspotenzial der Internet-Troll-Kultur von rechts-alternativen Akteur*innen erkannt. Schon 2017 nannte das „Handbuch für Medienguerillas“ der Webseite „D-Generation“ explizit memetische Kriegsführung als Mittel zur Beeinflussung des öffentlichen Diskurses online. „Wir alle verarschen gerne Opfer im Internet“, steht dort, „[a]ber wenn Deine Trollerei etwas bedeuten soll, such Dir die richtigen Gegner.“ Accounts und Foren von „allen Parteien“, „bekannten Feministinnen“ oder „sämtlicher Propaganda-Regierungspresse“ sollten geliked und damit unterwandert werden. Man solle „bei Diskussionen im Internet nicht Deinen Gegner überzeugen“ – stattdessen ginge es „um das Publikum. Und es geht hier nicht darum wer Recht hat, sondern wer vom Publikum Recht erhält“. Hierbei lehnt sich das Handbuch stark an das US-Vorbild an: „Mit Bildern kann man hervorragend memetische Kriegsführung betreiben und sein Narrativ unters Volk bringen“, schließlich sei Hillary Clinton „im Prinzip von einem Comic-Frosch besiegt“ worden. Gemeint ist die in der „Alt-Right“ beliebte Figur von „Pepe dem Frosch“. Für das Handbuch steht fest: „Es gibt keine größere Demütigung.“

Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des „D-Generation“-Handbuchs wurde das netzaktivistische Projekt „Reconquista Germanica“ ins Leben gerufen, das mithilfe der Gaming-Kommunikationsplattform „Discord“ digitale Überraschungsangriffe koordinierte, um rechts-alternative Propaganda zu verbreiten. Innerhalb weniger Woche zog das Netzwerk mehrere tausend Mitglieder aus Sympathisanten der AfD, der IB und Neonazis an. Auch diese Gruppierung machte hauptsächlich Gebrauch von Internet-Memes und versuchte sich hinter Ironie zu verstecken. „Reconquista Germanica“ behauptet in seiner Selbstdarstellung, es sei nur ein „satirisches Internet-Projekt ohne Bezug zur realen Welt“.

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