Experten-Umfrage zur Digitalen Disruption der Demokratie

Das Pew Research Center hat eine große Umfrage unter rund 1000 führenden Wissenschaftlern, Journalisten und Techies –unter anderem Henry Lieberman (MIT), Danah Boyd (Microsoft) über die Rolle digitaler Vernetzung und sozialer Medien in der politischen Willensbildung der nächsten Dekade durchgeführt. Fast die Hälfte aller Befragten denkt, dass digitale Disruption der Demokratie auch weiterhin massiven Schaden zufügen wird. Rund 30% zeigen sich optimistisch, sehen die derzeitigen Verwerfungen als Übergangsphase und eine langfristige Stärkung der Demokratie und 20% gehen von keinen signifikanten Änderungen aus.

Many Tech Experts Say Digital Disruption Will Hurt Democracy [Pew Research Center]

About half predict that humans’ use of technology will weaken democracy between now and 2030 due to the speed and scope of reality distortion, the decline of journalism and the impact of surveillance capitalism. A third expect technology to strengthen democracy as reformers find ways to fight back against info-warriors and chaos.

Die Antworten der Befragten lassen sich grob in einen „Sorgen-Katalog“ um Fragen des Machtgleichgewichts und Fragen des Vertrauens kategorisieren.

Themes About the Digital Disruption of Democracy in the Next Decade: Concerns for Democracy’s Future

Power Imbalance: Democracy is at risk because those with power will seek to maintain it by building systems that serve them not the masses. Too few in the general public possess enough knowledge to resist this assertion of power.

  • EMPOWERING THE POWERFUL: Corporate and government agendas generally do not serve democratic goals and outcomes. They serve the goals of those in power.
  • DIMINISHING THE GOVERNED: Digitally-networked surveillance capitalism creates an undemocratic class system pitting the controllers against the controlled.
  • EXPLOITING DIGITAL ILLITERACY: Citizens’ lack of digital fluency and their apathy produce an ill-informed and/or dispassionate public, weakening democracy and the fabric of society.
  • WAGING INFO-WARS: Technology will be weaponized to target vulnerable populations and engineer elections.

Trust issues: The rise of misinformation and disinformation erodes public trust in many institutions

  • SOWING CONFUSION: Tech-borne reality distortion is crushing the already-shaky public trust in the institutions of democracy.
  • WEAKENING JOURNALISM: There seems to be no solution for problems caused by the rise of social media-abetted tribalism and the decline of trusted, independent journalism.
  • RESPONDING TOO SLOWLY: The speed, scope and impact of the technologies of manipulation may be difficult to overcome as the pace of change accelerates.

Mir persönlich fehlt in der Kategorie der Fragen nach dem Machtgleichgewicht die Sorge um einen außerparlamentarischen Machtzuwachs für Massenbewegungen. Chaos kann auch direkt-demokratisch verursacht sein, wie wir alle beim Arabischen Frühling gelernt haben (siehe Martin Gurris Arbeiten über den Aufstand der Öffentlichkeit) oder wie man beim Protest der Gelbwesten beobachten konnte, als Klimaschutzmaßnahmen von der Masse verhindert wurden.

Ich würde mich nicht zuletzt deshalb zum noch kleineren Teil der Apokalyptiker unter den Pessimisten zählen. Einen langfristigen Gewinn für die Demokratie möchte ich nicht ausschließen, aber dabei kommt es ja nun auf dem Zeitrahmen an: Definiere „langfristig“. Denn wenn digitale Allsichtbarkeit schlußendlich im Jahr 2200 nach fünf Weltkriegen zur superliberalen Globaldemokratie in Utopia führt, so ist das zwar langfristig ein Gewinn für die Demokratie, aber mittelfristig eben nicht.

Die Antworten auf die meines Erachtens drängendste Frage der digitalen Vernetzung, wie man der neuen Allsichtbarkeit begegnet, ist völlig offen. Viele Leute halten die kapitalistischen Auswüchse und Machtkonstellationen durch Regierungen und Unternehmen die größte Sorge. Mir nicht. Mir bereitet die größte Sorge das Konfliktpotenzial durch Allsichtbarkeit, ich sehe hier im Netz schlichtweg ungleich viel mehr Menschen und (noch schlimmer) bin mit ihre saudämlichen Meinungen konfrontiert, dass ich psychologisch gar keine Wahl habe und Echokammern und Ausgrenzung der einzig gangbare Weg sind. Wie begegnet man dem, auf gesellschaftlicher Ebene?

Durch Blocking und Löschung von illegaler Rede? Durch harte Ausgrenzung bestimmter Accounts, die dann auf Gab.ai Parallelgesellschaften gründen, die dann eben doch wieder durch Screenshots in meiner Timeline landen? Oder durch radikale Freie Rede und Akzeleration der vernetzten Sichtbarkeit auch extremer Phänomene? Oder passen wir uns durch langfristige Medienbildung ab Kindesalter an diese neue Psychologie der alles durchdringenden Medialität und dieser extremen Ausweitung unserer tribalistisch geformten Gemeinschaften, die innerhalb weniger Jahre von rund 150–250 Personen auf tausende Menschen anstiegen und auch hier zu psychologsichen Verwerfungen in der Sozialität jedes Einzelnen führen? Die psychologischen Veränderungen, die die Vernetzung mit sich bringt, führen sicher nicht in 5 oder 10 Jahren zu extremen Konflikten. Aber möglicherweise in 50 oder 100, wenn der Klimawandel zusätzlichen Druck auf alle Gesellschaften des Planeten ausübt.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Errungenschaften der Aufklärung und die rasanten Fortschritte während der Industrialisierung 100 Jahre später zu Fantasien eines allmächtigen Übermenschen führten, vor dem Nietzsche uns warnte. Dieselbe Psychologie, die Romantik und Biedermeier und den frühen Futurismus ermöglichten, führten ein paar Jahre später zu Faschismus und Weltkriegen. DAS bereitet mir Sorge.

Dazu kommen die mannigfaltigen Probleme der Identitätsbildung in einer Wahrnehmungsumgebung, die komplett editierbar ist und mir die Macht verleiht, mich öffentlich als unilateral konstruierte Person zu präsentieren, das heisst: Meine Identität unterliegt nicht mehr länger der Verhandlung mit der Gesellschaft (ich sehe mich, wie ich mich sehe und ihr seht mich so, wie ihr mich seht – meine Identität ist das Produkt aus genau dieser Verhandlung, sie ist weder genau das, was ich sehe noch genau das, was ihr seht). Und das ist nur EIN ASPEKT, in dem grundlegende Mechanismen der menschlichen Psychologie durch Vernetzung und Digitalität massiv unter Druck geraten.

Aber das sind, freilich, die schlimmsten Befürchtungen eines in die Jahre gekommenen Bloggers und es könnte auch alles ganz anders kommen. Zumindest sind ein paar der befragten Experten beim Pew Research Center in der Lage, trotz allem optimistisch in die Zukunft zu blicken.

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