Das Dilemma des Journalismus in einer Outrage-Ökonomie

Die NYTimes veröffentlichte vor einigen Wochen eine relativ tiefgehende, vielbeachtete Recherche zum New Yorker Unternehmen ClearviewAI, die um die Welt ging. ClearviewAI verkauft relativ billige Gesichtserkennungsmethoden an Sicherheitsbehörden und Privatfirmen, die scrapen öffentliche Foto-Datenbanken von Facebook und Instagram, trainieren Neural Networks darauf und schufen so eine billige Methode zur Überwachung.

Das Problem der Berichterstattung ist, dass sie völlig außen vorlässt, dass die dahinterliegende Technologie Jahre alt ist, bereits oft auch kommerziell angewendet wurde und praktisch für jeden mit halbversierten Coding-Skills angewendet werden kann, die Software dafür liegt oft als Open Source auf Github. Dieser Aspekt, die allgemeine Zugänglichkeit für Jedermann, wurde in der Berichterstattung völlig unterschlagen und das Ergebnis ist eine verzerrte Darstellung des Sachverhalts.

Ich möchte anfügen, dass die journalistischen Mechanismen, die Boykis in ihrem Text beschreibt, also vor allem Zeitdruck durch Tagesaktualität und Nicht-Kenntnis technischer Details und Historie, nicht nur auf Berichterstattung über Tech oder Netzkultur zutrifft, sondern auf alle Themenfelder. Und sämtliche Berichterstattung wird seit nun mindestens 20 Jahren von der Öffentlichkeit gelesen und mit der eigenen Realität abgeglichen, online in sozialen Medien kommentiert und korrigiert und zwar von allen Seiten, von Experten wie Nicht-Experten, Linken wie Rechten, Ökonomen, Wissenschaftlern und Internet-Besserwissern wie mir. Das alles ist Teil des „Aufstands der Öffentlichkeit“, den Martin Gurri beschreibt und dieser Mechanismus ist einer der Grundbestandteile der Machtverschiebung zu Ungunsten klassischer Institutionen durch das Internet.

Das Dilemma des Journalismus besteht in Zeiten einer emotional selektierten, digitalen Empörungs-Ökonomie also einerseits in einem Druck durch eine neue Organisation des journalistischen Handwerks und in Reaktion darauf durch anachronistische Strukturen, während gleichzeitig neuartig organisierter Journalismus kleiner Redaktionen chronisch unterfinanziert ist. In anderen Worten: Journalisten machen nach wie vor ihren Job und zwar so gut sie können, scheitern aber an der prismatischen Wahrheit des Netzes, das in jeder einzelnen Story Korrekturen und Fehler und neue, nicht berücksichtigte Perspektiven findet. Journalisten sind in dieser allsichtbaren digitalen Welt dazu verdammt, Fehler zu machen und diese Fehler untergraben wiederum das Vertrauen in Medien-Institutionen. Da kann niemand was für, am wenigsten die Journos und Vicki Boykis’ Text schreibt ihnen dankenswerterweise eben nicht die Verantwortung zu, sondern sie schildert lediglich eine der tausenden von Annekdoten, in der selbst guter Journalismus maßgebliche Details unterschlägt, ganz einfach weil er strukturell nicht anders kann.

The takeaway should be this: all around the world, smart, bored young people are fooling around with facial recognition algorithms, without thinking about the consequences. And the international market for these is enormous. And, to say that big companies like Google aren’t producing these kinds of systems is only half-right – they may not be building the apps, but the’re providing the building blocks: Microsoft’s Face API, Google’s Face Detection, and Amazon’s Rekognition, which (for some reason it and not the others) got into so much hot water that it had to provide a FAQ. The technical aspects of the system are also glossed over. This lack of context does readers a great disservice. It scares us, but doesn’t allow us to correctly form our opinions about an important issue. […]

journalists are squeezed from all sides. On the one hand, they’re shackled to the deadline, to the news cycle. On the other, they’re beholden to their editors, who demand maximum outrage to generate more revenue. So it’s even possible that Hill knows about FindFace and wrote about it. Maybe what happened was that her editor just didn’t think it was germane to the article’s narrative.

It’s vicious. And not only does it suck for the journalist, but it sucks for the reader. Because what you get is a media ecosystem that both intentionally and unintentionally misinforms the very readers whose attention it relies on. You get a bunch of junk data, fear, and adrenaline-driven journalism and editing that does not take into account that the very fake news it reports on is fake news it might be generating itself.

Vicki Boykis’ Newsletter Normcore Tech schreibt ansonsten über die Schnittstellen zwischen Netzkultur, Technologie und Medien und ist ausnahmslos zu empfehlen. Derzeit der einzige Newsletter, bei dem ich über ein bezahltes Abonnement nachdenke.

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